Dass Deutschland im Vergleich zu seinen europäischen Nachbarn inzwischen einen Spitzenplatz bei den Gesundheitsausgaben einnimmt, erwähnt Jens Baas im jüngsten "Spiegel"-Interview fast nebenbei – aber mit Nachdruck. "Es wird immer nur gepredigt, dass noch mehr Geld nötig sei. Das ist Quatsch", so Baas. Er hält die Reformvorschläge der Regierungskommission zwar für grundsätzlich sinnvoll, aber ihm fehlt der Glaube daran, dass aus diesen Papieren tatsächlich mutige Gesetze werden. Widerstand gegen Veränderungen wundert ihn nicht: "Jeder behauptet, nur das Beste für die Patienten zu wollen, doch die Argumente sind oft mehr Gefühl als Substanz." Ohne echte Reformbereitschaft, warnt er eindringlich, schrauben sich die Beitragszahlungen weiter in die Höhe – irgendwann auf absurde 20 Prozent? "Wo ist hier die Grenze?", fragt Baas. An die Adresse von Gesundheitsministerin Nina Warken gibt er mit auf den Weg, sie solle sich nicht einschüchtern lassen: "Sie muss am Ende mutig genug sein, allen wehzutun – das ist das eigentliche Kunststück." Noch deutlicher wird er gegenüber der Pharmaindustrie: Deren angebliche Drohungen, bei Preisregulierungen den Markt zu verlassen, tut er als "reine Show" ab. "Deutschland ist einer der größten Absatzmärkte für Medikamente und hat sowieso schon horrende Preise. Das Märchen, die Unternehmen hätten ein Druckmittel, ist Unsinn." Baas bemängelt vor allem das fehlende Gegengewicht: "Die Kassen treten schwächer auf, die Pharma spielt ihre Macht voll aus. In der Politik fehlt häufig die Entschlossenheit, sich dem zu stellen. Überhaupt habe ich manchmal das Gefühl, dass in Deutschland das Standort-Argument fast schon sakrosankt ist – bis auf die allerhöchsten Ebenen."
Jens Baas, Chef der Techniker Krankenkasse, kritisiert das deutsche Gesundheitssystem als überfinanziert und fordert dringend tiefgreifende Reformen – bloße Geldspritzen seien keine Lösung. Dabei betont er, dass ohne schmerzhafte Veränderungen, wie sie gerade die Politik turbulent machen würden, der Systemkollaps drohe: Die Beitragssätze könnten auf ein eigentlich unvorstellbares Niveau steigen. Besonders im Umgang mit der Pharmaindustrie verlangt er mehr Rückgrat von Politik und Kassen, denn Drohgebärden der Industrie hält er für überzogen; zudem müssten die Preisverhandlungen fairer gestaltet werden.
Erweiterte Perspektive: Recherchen der letzten Stunden zeigen, dass die Debatte um Gesundheitsreformen unvermindert brisant bleibt. Laut einem aktuellen Bericht der Süddeutschen Zeitung machen auch andere Krankenkassenchefs Druck auf die Politik, weil die Bundesländer notwendige Klinikschließungen verzögern und damit höhere Kosten riskieren. Die Frankfurter Allgemeine hat zudem die neue Krankenhausfinanzierung unter die Lupe genommen und beschreibt einen wachsenden Streit zwischen Bund und Ländern, bei dem der Bund auf eine grundlegende Finanzierungsmischung drängt, während die Länder auf ihre Planungshoheit pochen. Die ZEIT spricht in einem Artikel davon, dass die Last der Reformen zunehmend auf den Schultern der Beitragszahler liege und viele Versicherte fürchten, dass keine Partei den Mut zur wirklichen Veränderung hat.