Vor kurzem hat sich eine Debatte zugespitzt, die längst überfällig war: Darf man Deutschland in puncto Frauengesundheit allen Ernstes ein Entwicklungsland nennen? Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) wagte genau diese Zuspitzung, woraufhin Nigina Muntean von der UNFPA nachlegte. Sicher, der Begriff klingt hart – vielleicht zu hart? Muntean kontert jedoch: Im Grunde hinken weltweit alle Länder hinterher, wenn es um die medizinische Versorgung von Frauen geht.
Die Zahlen sprechen für sich, auch wenn sie unangenehm sind: Frauen verbringen durchschnittlich neun Jahre – das ist fast ein ganzes Jahrzehnt – mit schlechterer Gesundheit als Männer. Die Folgen davon bemerkt übrigens nicht nur jede Einzelne, sondern auch der Arbeitsmarkt. Wenn Krankheiten bei Frauen erst spät erkannt oder nicht gründlich genug behandelt werden, steigen die Ausfälle: längere Krankheitsphasen, mehr Fehltage, geringere Produktivität – es ist ein Dominoeffekt, bei dem letztlich auch die Wirtschaft Federn lässt. Ein 'giftiger' Effekt, wie Muntean es nennt.
Was tun? Muntean glaubt, es braucht vor allem drei Dinge: Zum einen müssen Gesundheitsdaten so erhoben werden, dass Unterschiede zwischen den Geschlechtern sichtbar werden. Zum zweiten ist deutlich mehr Geld in die Forschung rund um Frauengesundheit nötig, und drittens muss Innovation in diesem Bereich gezielt gefördert werden. Klingt logisch, oder? Abwarten bringt jedenfalls keinen Fortschritt. "Wenn wir es schaffen, diese drei Elemente unter einen Hut zu bekommen, gibt es Grund zum Optimismus – dann könnten wir schon bald echte Verbesserungen sehen," meint Muntean mit eher vorsichtigem Optimismus.
Frauengesundheit bleibt laut Nigina Muntean, UNFPA-Innovationschefin, international ein vernachlässigtes Feld – auch in Deutschland, wo strukturelle Schwächen insbesondere in Forschung und Innovationen nach wie vor sicht- und spürbar sind. Jüngste Studien belegen, dass deutsche Frauen nicht nur eine kürzere gesunde Lebensspanne haben als Männer, sondern auch deutlich seltener in medizinischen Studien vertreten sind; Krankheiten werden häufig später erkannt oder konventionell behandelt, was zu unnötigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Belastungen führt. Die Diskussion um Frauengesundheit hat in den letzten Tagen neue Aufmerksamkeit bekommen, auch weil Gesundheitsorganisationen wie die WHO und verschiedene unabhängige Institute erneut auf mangelnde Datenerhebung, unzureichende geschlechterspezifische Forschung und eine traditionelle Schieflage bei der Ressourcenverteilung in der Medizin hinweisen.