Verborgene Gefahren: Warum in Unternehmen noch immer so viele Unfälle geschehen

Zeitdruck, Missverständnisse und die Angst, den Mund aufzumachen – diese Zutaten führen häufig zu Arbeitsunfällen. Oft reicht ein kleines Versäumnis, um große Probleme loszutreten. Wer genauer hinschaut, erkennt schnell: Es sind nicht nur fehlende Warnwesten oder mangelhafte Maschinen, die schuld sind. Viel schlimmer ist das Klima des Verschweigens und das tiefe Unbehagen, sich zu Fehlern zu bekennen.

20.01.26 09:05 Uhr | 2 mal gelesen

Jeder, der in einer Fabrikhalle oder auf einer lauten Baustelle war, kennt das Gefühl: Wenn etwas schiefgeht, schweigt man oft lieber. Es passiert schließlich ständig irgendetwas Kleines. Dennoch: Die Statistik spricht eine andere Sprache. Viele schwere Unfälle hätten vermieden werden können, wenn die kleinen Vorfälle davor offen angesprochen worden wären. Woran liegt es, dass so viele Zwischenfälle nirgendwo auftauchen? Das Problem liegt selten bei den Menschen selbst – die innere Hemmschwelle, Fehler einzugestehen, ist groß. Verständlich, denn wer will schon schief angeschaut werden oder riskieren, als Nestbeschmutzer zu gelten? Gerade dort, wo die Arbeit hart ist und der Ton rau, werden Bagatellen oft verschwiegen. Unternehmen nimmt das allzu gern zum Anlass, sich selbst auf die Schulter zu klopfen und von einer perfekten Sicherheitsorganisation zu sprechen – doch das ist oftmals eine gefährliche Illusion. Die Struktur selbst fördert das Schweigen: Eine Mischung aus Belohnungen für vermeintliche „unfallfreie“ Arbeit und Leistungsanreizen, die Sicherheit zum Nachgedanken machen. Besonders absurd: Wer einen Unfall meldet, wird schnell zum Störenfried abgestempelt. Die Folge ist ein psychologisch spannungsgeladenes Klima, in dem Offenheit nicht belohnt – sondern bestraft wird. Psychologische Sicherheit, also das Wissen, dass man nach einer ehrlichen Ansprache nicht gleich Ärger bekommt, ist der Boden, auf dem echte Prävention wachsen kann. Fehlerkultur ist ein großes Wort; gelebt wird es erst dann, wenn Chefs und Kollegen ehrlich zusammenarbeiten und sich aufeinander verlassen können – ohne Hintergedanken. Was hilft? Ein systematischer Kulturwandel. Dazu gehört, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen und nicht nur nach Plakaten zu leben. Veränderung braucht Jahre, nicht Wochen, aber sie zahlt sich aus, weil nicht nur weniger Unfälle passieren, sondern Mitarbeitende sich endlich wohl und sicher fühlen. Ohne echtes Gespräch bleibt Sicherheit Fassade.

Arbeitsunfälle werden häufig durch ein Klima des Schweigens und durch Fehlanreize im System begünstigt, dabei könnten viele Zwischenfälle durch offene Kommunikation und gelebte Fehlerkultur vermieden werden. Wesentlicher Bestandteil eines wirksamen Arbeitsschutzes ist die psychologische Sicherheit, in der Beschäftigte ohne Angst vor negativen Konsequenzen Missstände ansprechen können. Aktuelle Zahlen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung zeigen, dass die Zahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle 2023 gegenüber 2022 gestiegen ist – rund 797.000 Unfälle wurden gemeldet, darunter mehr als 500 tödliche Fälle, was weiteres Nachdenken über Fehlerkultur und Präventionsmaßnahmen dringend erfordert. In vielen Branchen, insbesondere im Baugewerbe, werden Unfälle oft aus Angst vor Sanktionen oder Arbeitsplatzverlust nicht gemeldet, wie auch die internationale Arbeitsorganisation (ILO) betont. Digitale Meldewege, regelmäßige Schulungen und wirksame Anreizmodelle können dazu beitragen, mehr Transparenz und bessere Präventionsstrukturen herzustellen. Führungskräfte stehen jedoch weiterhin vor der Herausforderung, offene Kommunikation in der Belegschaft zu fördern und Prämien nicht nur nach Produktionszahlen, sondern verstärkt nach Sicherheit und offener Fehlerkultur auszurichten.

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