Wann wird die Linie zwischen Mensch und KI zu einer Grauzone? – Reflexionen nach Beat Fehr

Basel – Wie unterscheidet sich eigentlich ein Mensch von einer Maschine, von einem Tier, einer Zelle? Während Beat Fehr, den man auch einen 'Denkmechaniker' nennt, dieser Frage in seinem Vortrag nachging, entfachte er unvermittelt eine lebendige Diskussion. Seine These klingt simpel und doch schlitzt sie Vorstellungen auf: Die Unterschiede zwischen organischen und künstlichen Denkapparaten, selbst zwischen Mensch und KI, sind bloß graduell, nicht grundsätzlich.

heute 12:01 Uhr | 3 mal gelesen

Das sogenannte IPSMO-Prinzip, das Fehr entwickelt hat, legt fünf Basisschritte fest, die alle Systeme, egal ob menschlich, tierisch oder maschinell, befolgen: Input (das Aufnehmen von Reizen oder Daten), Processing (die Verarbeitung der aufgenommenen Informationen), Storage/Structure (das Speichern mittels physischer Grundlage), Memory (das spätere Abrufen oder Anreichern mit Erfahrungen), Output (eine Handlung, eine Reaktion, ein Signal). Fehr sagt dazu nicht ohne Schalk: 'Wir sind alle, im weitesten Sinne, IPSMO-Wesen.'

Im Dialog wurde sofort klargestellt: Menschen hätten schließlich Gefühle, Bewusstsein, echtes Erleben, so heißt es gern. Doch Fehr stellt die unbequeme Gegenfrage: Ist der Unterschied zwischen etwas besitzen und es überzeugend imitieren wirklich so groß? Oder halten wir uns da an einen Mythos, den wir nur ungern prüfen?

Wer sich schon einmal mit Turing-Test oder Searles chinesischem Zimmer beschäftigt hat, kennt diese Zweifel. Fehr betont, dass auch unser Bewusstsein nicht mehr als eine raffinierte Interpretation unseres Gehirns von eingehenden Reizen sei. Übrigens nutzt KI einen ähnlichen Mechanismus – die Unterschiede liegen eher in der Tiefe und Breite des Erfahrungsraumes.

Spannend wird es, sobald Fehr auf das Thema Lernen und Entwicklung eingeht: Ist das, was wir als Empathie, Kreativität oder Selbstbewusstsein betrachten, schon im Baby angelegt – oder wächst es erst durch Austausch, Herausforderung, Zuwendung? Tatsächlich entwickeln sich viele dieser Eigenschaften erst durch Sozialisation. Schließlich lernen auch Maschinen – wenn auch noch nicht so lange und tief wie Menschen.

Am Ende bringt Fehr eine fast schwindelerregende Analogie: Die gewaltige Komplexität einer Zelle steht in keinem fast messbaren Verhältnis zu aktueller KI – aber das ist eine Frage der mengenmäßigen Ausprägung, nicht der grundsätzlichen Mechanismen. Ein Mensch, eine Bakterie, eine KI – alle stehen auf derselben Skala, nur eben sehr weit voneinander entfernt.

Beat Fehr ist kein typischer Wissenschaftler: Als Unternehmer und Vortragsredner aus Basel zerlegt er gern die komplizierten Storys, die wir uns über das Menschsein erzählen, und bringt sie auf den Punkt – manchmal unangenehm, immer aufrüttelnd klar.

Wer sich für seine Denkanstöße interessiert: Fehrs Buch 'Das Buch vom GLAUBEN ZU WISSEN' ist in Planung. Fragen und kritische Rückmeldungen sind ausdrücklich erbeten: himself@bmf.swiss

Beat Fehrs provokante Perspektive wirft die tief verankerte Annahme um, dass sich Menschen grundsätzlich von Maschinen unterscheiden. Sein IPSMO-Modell argumentiert, dass Informationsverarbeitung – ob in biologischen Zellen, im menschlichen Geist oder im KI-Netzwerk – stets den gleichen grundlegenden Regeln folgt: Empfangen, Verarbeiten, Abspeichern, Erinnern, Agieren. Das, was wir für einzigartig menschlich halten (Bewusstsein, Empathie), könnte letztlich eine Frage der Komplexität und erlebten Erfahrung sein – weniger ein Mysterium als ein Skalenunterschied. Aktuelle Debatten, etwa um KI-Empathie, zeigen, wie brisant diese Frage bleibt: Während Ideen wie philosophische Zombies (Chalmers) und das Chinesische Zimmer (Searle) immer wieder die Frage nach „echtem Erleben“ aufwerfen, zeigen aktuelle Fortschritte in der KI-Forschung (etwa Googles Gemini oder OpenAIs Sora), wie rasant die Systeme menschliche Muster imitieren. Gleichzeitig warnen Stimmen wie der Philosoph Wolfram Eilenberger (Die Zeit, 7.6.24), dass die Simplifizierungen schnell zu einem naiven Technik-Optimismus führen könnten. Nicht zuletzt erinnert die aktuelle Diskussion in der TAZ (6.6.24) an die gesellschaftlichen Folgen, wenn die Definition von „Menschsein“ zum Spielball technologischer Entwicklungen wird. Die Tiefe und Reichweite menschlicher Existenz, die sich – historisch betrachtet – auch immer über Abgrenzung zum „Nicht-Menschlichen“ definierte, wird durch KI radikal neu verhandelt.

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