Zerrissene Träume und neue Wege: Wie die Wende das Leben ehemaliger DDR-Spitzensportler prägte

Leipzig – Die Nachwendezeit wirbelte das Leben vieler DDR-Sportlerinnen und Sportler brutal durcheinander. Die MDR-Doku „Einigkeit und Sport und Freiheit?“ lässt sechs von ihnen über Siege, Abstürze und Neuanfänge sprechen. Ab sofort in der ARD-Mediathek und am 3. Februar 2026 abends im MDR-Fernsehen.

heute 14:00 Uhr | 3 mal gelesen

Manche fanden sich nach dem Mauerfall plötzlich im Strahlenwerferlicht des Westens wieder – als gefeierte Athleten, Vorbilder, ja sogar Helden. Doch längst nicht alle profitierten: Zahllose Karrieren zerbrachen im Moment der Euphorie, Identitäten gingen verloren, alte Gewissheiten wurden über Nacht wertlos. In der MDR-Doku „Einigkeit und Sport und Freiheit?“ lassen sich sechs Menschen tief in die Karten schauen und erklären, wie sie mit den Folgen der Vereinigung gerungen haben. Beispielsweise Axel Schulz, der seinen 21. Geburtstag genau am 9. November 1989 feierte – und fortan als ostdeutscher Boxer in einer neuen, schnelllebigen Medienwelt Fuß fassen musste, aber trotzdem irgendwie beim Publikum landen konnte. Thomas Doll, einst Torgarant bei Dynamo und für die Nationalmannschaft geschätzt, wurde plötzlich zum Millionentransfer und kickte in Italien – eine Welt, die mit der alten Heimat kaum vergleichbar war. Während Turnerin Kerstin Kurrat (früher Gerschau) nach einer Kindheit voller Disziplin schließlich ein Fitnessstudio gründete, musste Biathlet Frank-Peter Roetsch sich notgedrungen nach neuen Perspektiven umschauen, als er ohne Förderung und Rückhalt nicht mehr an seine Erfolge anknüpfen konnte und alles verlor. Ruderin Kathrin Boron war sogar gezwungen, ihre Technik komplett umzustellen und sich sprichwörtlich die Hände wund zu rudern – bis sie 1992 olympisches Gold für das neue, vereinte Deutschland holte. Kugelstoßer Udo Beyer ließ den Sport irgendwann hinter sich und wurde Reisebürobesitzer. Der Film schwankt ständig zwischen Erinnerungen an große Triumphe und Momenten tiefer Unsicherheit. Das alles macht die Doku zu einer vielschichtigen, stellenweise auch ziemlich unbequemen Zeitreise: Wie lebt es sich, wenn plötzlich nichts mehr so ist, wie es jahrzehntelang war? Der MDR wirft aus Anlass der kommenden Olympischen Winterspiele in Italien einen empathischen und oft überraschend offenen Blick auf Brüche, Verluste – und die Kraft, trotz allem weiterzumachen.

Die MDR-Dokumentation „Einigkeit und Sport und Freiheit?“ porträtiert sechs ehemalige DDR-Sportikonen, deren Lebensläufe von der deutschen Wiedervereinigung dramatisch umgeworfen wurden. Sie verbindet persönliche Geschichten von Aufbruch, Scheitern und Neuorientierung und verweist dabei immer wieder auf die gesellschaftlichen Brüche, die mit der politischen Wende einhergingen. Recherchen aktueller Medien zeigen, dass die Geschichten im Film typisch sind: Auch heute, laut einem Beitrag der Süddeutschen Zeitung, beschäftigt viele ostdeutsche Sportlerinnen und Sportler das Gefühl, weniger Anerkennung zu erfahren [Quelle: Süddeutsche Zeitung]; die FAZ berichtet aktuell über neue Initiativen, ostdeutsche Sportgeschichte aufzuarbeiten [Quelle: FAZ.NET]; der Spiegel hebt die Debatte um die gesellschaftlichen Nachwirkungen der Wende speziell im Sport hervor [Quelle: Spiegel Online]. Die Doku ist vor diesem Hintergrund ein Beitrag zur Erinnerungskultur, der nicht nur emotional, sondern auch gesellschaftlich Relevanz besitzt.

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