Es knistert zwischen Chefetagen und Verbänden. Manche Unternehmenschefs scheinen die sogenannte 'Brandmauer' gegen die AfD als Fessel zu empfinden, die ihrer Meinung nach nicht nur die Politik, sondern auch die Wirtschaft in ein Korsett zwängt. Caspar Brockhaus etwa bringt es, nicht frei von Provokation, auf den Punkt: Die von CDU und SPD gepflegte Distanz sei so rigide, dass sie den Reformwillen bremse und Alternativen blockiere. Seiner Ansicht nach sollte man – wenn es um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands geht – auch ungewöhnliche politische Konstellationen nicht ausschließen. Nur so, meint er, entstehe überhaupt der nötige Innovationsdruck.
Eine ganz ähnliche Stoßrichtung verfolgt Sarna Röser („Unternehmer in Bewegung“): Sie betrachtet die Brandmauer als Ausdruck einer arroganten Besitzstandswahrung der alten Volksparteien. Ihr Credo: Die Grenzen der Demokratie dürften nicht von oben definiert werden. Vielleicht schwingt da eine gewisse Müdigkeit gegenüber den immergleichen Debatten mit. Röser sieht in der aktuellen Strategie keinen Gewinn für das gesellschaftliche Vertrauen – ihrer Meinung nach macht Ausgrenzung niemanden überzeugender.
Wolfgang Grupp, der traditionsreiche Trigema-Chef, empfindet Ablehnung oder Kontaktverbot als widersinnig. Er rückt die Sache ins Grundsätzliche: In einer Demokratie müsse doch Dialog zwischen allen Parteien dazugehören, punkt.
Dem stehen die großen wirtschaftlichen Verbände wie ein Fels entgegen. Rainer Dulger, Präsident der Arbeitgeber, sagt nüchtern: Wer rechts- oder linksextrem ist, gefährdet Wohlstand und jobs. Er fordert: Die Mitte müsse liefern, anstatt sich nur abzugrenzen. Die eigentliche Antwort gegen Extremismus sei eine Politik, die Arbeitsplätze sichert und unsere Wirtschaft wieder fit macht.
Dirk Jandura vom Großhandelsverband bleibt strikt: Erst wenn die AfD selbst eine glaubwürdige Distanz zum Rechtsextremismus ziehe, sei ein Gespräch denkbar. Das gelte übrigens ebenso für die politische Linke, sofern sie marktwirtschaftliche Prinzipien ablehne.
Und Franz-Olaf Kallerhoff vom Markenverband erinnert: Dialog mit Kräften, die extremistisches Gedankengut verfolgen, sei keine Option – schließlich stünde allzu viel, nämlich die Stabilität der Marktwirtschaft und die gesellschaftliche Verlässlichkeit, auf dem Spiel.
Man könnte fast sagen: Zwischen diesen Positionen spannt sich ein Graben – und der wird, so scheint es, nicht so bald zugeschüttet.
Die deutsche Wirtschaft ist in eine offene Debatte über den Umgang mit der AfD geraten. Während einzelne Unternehmer offen fordern, die 'Brandmauer' zur AfD müsse aufgeweicht werden, um politischen Reformdruck zu ermöglichen, beharren große Wirtschaftsverbände und ihre Sprecher strikt auf Abgrenzung: Wer extremistische Positionen vertritt, wird ausgeschlossen. Besonders in den letzten Tagen heizten Äußerungen von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck die Diskussion an, da er erneut vor einer Kooperation mit der AfD warnte; laut mehreren Medienberichten sehen viele Ökonomen und Vertreter der Industrie die Gefahr, dass eine Annäherung an die AfD Deutschlands internationalen Ruf und Investitionsklima massiv schädigen könnte.
Der „Tagesspiegel“ schreibt, dass Unternehmen in zunehmender Zahl Position beziehen, da sie Nachteile für Fachkräftegewinnung und Export fürchten. Nach einem aktuellen Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ warnt die Mehrheit der DAX-Unternehmen eindringlich vor öffentlichen Kooperationen mit der AfD. Die „Süddeutsche Zeitung“ ergänzt, dass auch neue Studien des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigen, dass der Wirtschaftsstandort Deutschland unter einer Normalisierung der AfD massive Einbußen bei Investitionen und Wachstum zu erwarten hätte.