Zwischen Fortschritt und Unsicherheit: Deutschlands Beschäftigte und der KI-Kompetenz-Spagat

Frankfurt am Main – Digitalisierung, insbesondere KI, krempelt unseren Arbeitsalltag zunehmend um. Doch mit der Verbreitung der Technologie sinkt paradoxerweise das Selbstvertrauen vieler Arbeitnehmer:innen: Statt Euphorie schleicht sich Unsicherheit ein. Das aktuelle ManpowerGroup Global Talent Barometer benennt diese Lücke treffend als „AI Confidence Gap“.

20.01.26 09:39 Uhr | 4 mal gelesen

Kaum jemand kann sich der Wucht der KI-Entwicklung im Job entziehen: Laut einer neuen Umfrage setzen inzwischen 41 % der deutschen Angestellten regelmäßig künstliche Intelligenz am Arbeitsplatz ein – ein sattes Plus von 7 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Pikant: Ihr Zutrauen in die eigene Kompetenz schrumpft gleichzeitig auf 60 %. 2025 waren es noch 72 %, vor zwei Jahren sogar 78 %. Es wirkt fast ironisch – je länger und intensiver Menschen KI verwenden, desto klarer erkennen viele, wie umfassend sich ihre Aufgaben und Routinen verändern. Denn die Vorstellung, einfach ein paar Knöpfchen zu drücken und alles erledigt sich von selbst, platzt oft schnell. Viele müssen sich das Know-how zäh erarbeiten, während sie den Anschluss an die Technologie fürchten. Stärkere Unsicherheit macht sich breit, 36 % glauben sogar daran, dass KI ihren Arbeitsplatz in den nächsten zwei Jahren bedroht. Becky Frankiewicz, Strategin bei der ManpowerGroup, pocht deshalb auf einen menschenzentrierten Wandel: Führung braucht jetzt Weitblick – einerseits die alltäglichen Herausforderungen meistern, andererseits aktiv Brücken in die Zukunft bauen. Führungskräfte stehen dabei am Scheideweg: Sie müssen bestehende Jobs absichern und gleichzeitig neue Chancen eröffnen. Der Bericht skizziert auch einen spannenden Trend: Trotz Unsicherheit bleiben Arbeitnehmer:innen ihrem Arbeitgeber meist treu (65 %), doch mehr als die Hälfte schaut aktiv nach Alternativen. Fast schon paradox – Loyalität aus Sicherheitsbedürfnis, gepaart mit vorhandener Wechselbereitschaft. Offenbar ist das Vertrauen in die Entwicklungsmöglichkeiten begrenzt. Jobverluste? Hier herrscht weiterhin kein blinder Optimismus. 31 % rechnen mit kurzfristigem Arbeitsplatzverlust – bei den Führungskräften ist die Sorge mit 65 % besonders hoch. Die Frage nach Burnout rundet das Bild ab: 58 % klagen über Erschöpfungssymptome – kein Wunder, wenn Innovation und steigende Produktivität permanent gefordert sind. Wer als Unternehmen proaktiv gegensteuert, könnte hier wichtige Pluspunkte für Arbeitgeberattraktivität und Bindung sammeln. Das Global Talent Barometer, das die Stimmung von weltweit knapp 14.000 Beschäftigten misst (1.017 davon aus Deutschland), rückt Well-Being, Jobzufriedenheit und Zuversicht ins Rampenlicht. Für Deutschland liegen alle Werte immerhin knapp oder leicht über dem globalen Durchschnitt. Nur der Optimismus im Job gibt deutlich nach – ein Alarmsignal, das Management und Politik wohl kaum ignorieren dürfen.

Der Bericht verdeutlicht, wie stark KI inzwischen am Arbeitsplatz angekommen ist, gleichzeitig aber eine wachsende Verunsicherung unter Beschäftigten auslöst. Vor allem das Gefühl, mit den technologischen Umwälzungen nicht Schritt halten zu können – trotz verstärkter Anwendung –, prägt die Arbeitskultur in Deutschland. Laut zusätzlicher Berichte sind Weiterbildungen zwar ein zentraler Lösungsansatz, doch häufig fehlt es an systematischen, niedrigschwelligen Angeboten in Unternehmen (z.B. taz.de berichtete am 13.06.2024, dass insbesondere ältere Beschäftigte sich von der Lernkurve überfordert fühlen). Außerdem zeigt ein Artikel von spiegel.de (12.06.2024), dass der Fachkräftebedarf im Umgang mit KI weiter rasant steigt, Unternehmen aber ihre eigenen Mitarbeitenden bislang nur unzureichend für diese neuen Anforderungen qualifizieren. Deutschlandweit ruft das Thema Burnout angesichts steigender Arbeitsbelastung und Unsicherheit weiter große Besorgnis hervor: Ein Beitrag auf sueddeutsche.de (13.06.2024) betont, dass viele Arbeitgeber dem Thema psychische Gesundheit erst seit kurzer Zeit mehr Aufmerksamkeit schenken – es aber an nachhaltigen Präventionsstrukturen mangelt.

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