Tschüss, Begegnung? Was verschwindet, wenn die Tür zufällt
Bierkühlschrank und Tresen sind für viele Menschen mehr als bloße Kulisse nach Feierabend. Laut der Studie bilden Bars, Kneipen und Clubs so etwas wie das dritte Wohnzimmer: Treffpunkte, die niederschwelligen Zugang zu Gemeinschaft liefern. Gerade weil öffentliche Treffpunkte rarer werden, sind die letzten Kneipen gar nicht so „letzte“, zumindest nicht für Stammgäste und Anwohner. Dr. Marcel Klinge von der Denkfabrik Gastwelt bringt es auf den Punkt: Die gesellschaftliche Rolle dieser Orte geht in Debatten über Steuerpolitik gern verloren – das aber ist ein Fehler mit Folgen. Selbst die Politik erkennt langsam: In Rheinland-Pfalz rollt ein Förderprogramm für Dorfkneipen an, um das gesellschaftliche Miteinander zu stützen und Begegnung zu ermöglichen.
Zahlen, Jobs und Herzblut – ein Gewerbe unter Druck
Zahlenmäßig ist die Getränkegastronomie in Deutschland alles andere als eine Randerscheinung: 2024 erzielte die Branche satte 9,6 Milliarden Euro Umsatz und kommt auf über 32.000 Betriebe und 225.000 Jobs. Aber: In den letzten Jahren sind viele davon auf der Strecke geblieben. Gründe? Hohe Kosten, zu wenig Gäste, teure Mieten, Kündigungen. Seit 2015 hat etwa jede fünfte Trinkgaststätte dichtgemacht. Insolvenzen nehmen zu. Wer alles nüchtern ausrechnet, könnte sagen: Das ist doch nur Markt – aber die Studie liefert eben mehr: Fakten, die zeigen, wie eng soziale Orte mit wirtschaftlicher Substanz verflochten sind.
Steuern, Politik und der Blick über den eigenen Rand
Interessant wird’s, wenn die Steuerdebatte mit gesellschaftlichen Folgen verschränkt wird. Höhere Spirituosensteuern? Das klingt nach trockenen Zahlen, greift aber tief in den Alltag ein: Schließen immer mehr Bars, geht mehr verloren als Steuereinnahmen – das sieht man zum Beispiel in Frankreich, wo in zwei Jahrzehnten 18.000 Bars verschwanden und ganze Regionen verwaisten. Solche Lücken machen sich bezahlt… allerdings nur auf dem Papier, im Alltag kosten sie Beziehung und Austausch. Richtig paradox: Während Speisen im Restaurant steuerlich entlastet wurden, droht Getränken eine Verteuerung. Klingt nicht schlüssig – und wird für Betriebe, die ohnehin kämpfen, zur Überlebensfrage.
Der Blick hinter die Zahlen
Die Studie, die von EY-Parthenon für die Cocktail.Kultur.Gesellschaft. erstellt wurde, basiert auf amtlichen Zahlen, Branchenwissen und einer eigens durchgeführten Betriebe-Befragung. Ihre Autoren – Dr. Ferdinand Pavel und Dr. Veit Böckers – rücken damit nicht nur wirtschaftliche Aspekte in die Debatte, sondern fragen nach den Folgen für Gesellschaft und Miteinander. Wer mehr erfahren möchte, findet die Studie hier.
Hintergrund zur Cocktail.Kultur.Gesellschaft.
Der Zusammenschluss Cocktail.Kultur.Gesellschaft. versteht sich als Sprachrohr der deutschen Cocktailkultur. Ziel: Austausch über genussvollen, verantwortungsvollen Konsum, aber auch eine Einladung zum offenen Gespräch über die Rolle solcher Orte – heute und morgen. Mehr Details: www.cocktail-kultur.de
Die Studie legt offen, dass die drohende Erhöhung der Spirituosensteuer nicht bloß wirtschaftliche, sondern dramatische gesellschaftliche Folgen nach sich ziehen könnte: Bars, Clubs und Kneipen dienen als Orte der Gemeinschaft, die bereits seit Jahren durch wachsende Kosten, sinkende Besucherzahlen und zunehmende Insolvenzen bedroht sind. Die Autoren verweisen darauf, dass ein konsequenter Erhalt dieser Begegnungsorte vor drohendem Verschluss schützen kann – auch, um sozialen Spaltungen und politischer Frustration entgegenzuwirken. In immer mehr Regionen Deutschlands wird deutlich, dass der einfache Verlust einer Kneipe ein ganzes Geflecht lokaler Verbindungen zerreißen kann. Aktuelle Presseberichte und Statistiken zeigen, dass der Umsatzrückgang auch mit veränderten Trinkgewohnheiten nach der Pandemie, schärferen Regulierungen und steigenden Energiepreisen zusammenhängt – es ist also ein Zusammenspiel von Faktoren. Außerdem warnen Branchenexperten, dass eine ungeregelte Steuerpolitik kleine Betriebe besonders hart trifft, da sie Nachfragerückgänge weniger abfedern können als große Ketten. Diverse Lokalinitiativen – etwa durch Landesregierungen wie in Rheinland-Pfalz – versuchen derzeit mit gezielten Fördermitteln gegenzusteuern, stehen aber wegen knapper Kassen vor neuen Herausforderungen.