Ein Jahr nach dem Start der Regierung Merz schwebt ein Gefühl der Unzufriedenheit durch die Flure der Bauindustrie. Von der viel beschworenen Aufbruchstimmung ist für viele Unternehmen bislang wenig zu spüren. Laut dem Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) befindet sich die Koalition weiterhin im Stadium der Ankündigungen – Konzepte und schöne Worte gäbe es genug, nur mit greifbaren Fortschritten hapert es gewaltig. Tim-Oliver Müller, der Hauptgeschäftsführer, findet vor dem Tag der Bauindustrie recht deutliche Worte: Die Signale seien zu hören, die Versprechen bekannt, aber wo bleibt das tatsächliche Vorankommen? Die Regierung, so Müller, steuere noch immer zu träge, obwohl im Koalitionspapier ja durchaus viele richtige Hebel gezogen werden sollten. Stattdessen fielen praktische Verbesserungen mager aus und die Auftragslage im Infrastrukturbereich sei geradezu mangelhaft. Gleichzeitig wächst bei Bauunternehmen und Auftraggebern die Sorge, dass auch die Finanzierung umfangreicher Projekte nicht ausreichend gesichert ist. Irgendwie fühlt sich das Ganze – das ist jetzt sicherlich keine Übertreibung – so an, als wäre der viel erhoffte „Reformturbo“ einfach nicht angesprungen.
Die Baubranche sieht nach einem Jahr unter Kanzler Merz viel Luft nach oben: Angekündigte Reformen, gerade bei Wohnungsbau und Investitionen in die Infrastruktur, wurden laut HDB noch kaum umgesetzt. Die wirtschaftliche Unsicherheit und die ausbleibenden öffentlichen Aufträge setzen Unternehmen zusätzlich unter Druck. Hintergrund ist eine generelle Zurückhaltung bei großen Baumaßnahmen, die auch durch das vorsichtige Verhalten der öffentlichen Hand und hohe Zinsen verstärkt wird. Aktuelle Medienberichte zeigen zudem, dass zahlreiche Baufirmen mit einer angespannten Auftragslage kämpfen – laut 'Die Zeit' mussten einige schon Kurzarbeit einführen. Hinzu kommen gestiegene Materialkosten und langwierige Genehmigungsverfahren, die Projekte weiter verzögern. 'Der Spiegel' berichtet, dass die Bundesregierung nun verstärkt auf schnelle Bauverfahren und Entbürokratisierung setzen will, was jedoch noch auf sich warten lässt.