Es gibt diese seltenen Momente, in denen der Alltag plötzlich stillsteht und ein Körnchen Zeitgeschichte spürbar wird – so schien es jedenfalls am Tag der Demokratiebildung in Baden. Zwei Musikstudierende eröffneten beschwingt, bevor Dr.in Edda Polz, Vizerektorin der PH NÖ, die vielzitierten Worte über die Relevanz demokratischen Lernens fand. Danach hieß Landtagsabgeordnete Karin Scheele die Runde willkommen. Ihre Worte waren mehr als nur höflicher Smalltalk, sondern die Aufforderung: Demokratie lebt und atmet durch unsere Stimmen – auch dann, wenn sie sich widersprechen.
Nach einer kleinen Vorstellungsrunde mit Dr.in Margarethe Kainig-Huber und MMag. Gregor Kremser, PhD, die sich dem Wert historischer Bildung widmeten (eigentlich heikel: Wer erinnert sich noch, wenn die Zeitzeugen verstummen?), folgte der eigentliche Paukenschlag. Dr. Heinz Fischer, Bundespräsident a.D., nahm die jungen Menschen im Saal mit auf einen Streifzug durch sein bewegtes Leben. Begeistert und beinahe väterlich schilderte er, wie dünn das Eis der Demokratie tatsächlich sein kann – ein Vergleich mit einem alten Baum, stark und widerständig, aber eben nicht unverwundbar. Macht muss begrenzt und kontrolliert werden, so sein nachdrücklicher Appell. Und: Krieg – der ewige Feind der Demokratie. Eine fast beiläufige, aber umso deutlicher Warnung.
Anschließend griff Katharina Sunk, Journalistin und Chefin vom Dienst bei „Niederösterreich heute“, das Mikrophon. Ihr Credo: Ohne freien, kritischen Journalismus gibt es keine demokratische Kultur. Sie plädierte für investigativen Lokaljournalismus – denn wo, wenn nicht im Kleinen, beginnen Skandale, Veränderungen und manchmal sogar echte Verbesserungen? Drei eindringliche Lektionen schickte sie ins Plenum: Hinschauen, hinhören – und Journalismus nicht einfach konsumieren, sondern aktiv einfordern.
Das letzte Experten-Statement kam von Botschafter Dr. Andreas Liebmann. Mit trockenem Witz entlarvte er das Wort 'Entwicklungshilfe' als altmodisch und sprach lieber von 'Zusammenarbeit'. Bei Projekten – etwa für Trinkwasser in Mosambik – hängt der Erfolg weniger von Geld als von demokratischer Kontrolle ab. Und, eine Randnotiz mit Wumms: Wenn Frauen mitentscheiden, klappt’s nicht selten besser. Interessanter Gedanke, eigentlich.
Nach den Impulsen wurden die Gruppen in ein World Café entlassen. Zwölf Stationen, hitzige Kleingruppendiskussionen, und am Ende Berichte voller Widerhaken, Kompromisslinien und echter Gespräche. Im Rückblick: Demokratie fühlt sich manchmal chaotisch an – aber das ist vielleicht sogar ihr stärkster Schutzmechanismus.
Der Tag der Demokratiebildung am Campus Baden bot eine eindrückliche Bühne für die Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte und den aktuellen Herausforderungen demokratischer Gesellschaften. Persönliche Einblicke von Heinz Fischer zeigten, wie brüchig demokratische Entwicklungen sein können und dass Wachsamkeit nie aus der Mode kommt. Zusätzliche Stimmen aus Journalismus und Entwicklungszusammenarbeit machten klar: Demokratie ist kein Selbstläufer, sondern verlangt Engagement auf allen Ebenen – von Medienkultur bis internationaler Zusammenarbeit. Neueren Medienberichten zufolge ist das öffentliche Interesse an Demokratie und demokratischer Bildung spätestens seit den jüngsten Wahlgängen in Europa wieder spürbar gestiegen, auch als Reaktion auf das Erstarken rechtspopulistischer Strömungen. Aktuelle Diskussionen betonen, wie wichtig eine robuste Zivilgesellschaft und unabhängige Medien für den Schutz demokratischer Institutionen sind – das merkt man nicht nur in Österreich, sondern beispielsweise auch in Deutschland, wo Initiativen wie die 'Woche der Meinungsfreiheit' zuletzt verstärkt in den Fokus rückten. Die Rolle historischer Erinnerung bleibt zentral, gerade weil politische Lagerbildung und Desinformation die Öffentlichkeit zunehmend beschäftigen. (Recherchiert am 8. Juni 2024)