Frankenschnellweg-Bürgerentscheid: Warum Großprojekte vor dem ersten Spatenstich beginnen

Nürnberg – Prof. Dr. Peter Thuy, der Präsident der GPM Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement e.V., plädiert für ein Umdenken bei der Herangehensweise an Großprojekte – der Schlüssel zum Gelingen liegt oft viel früher, als viele denken.

02.07.26 16:56 Uhr | 1 mal gelesen

Ob es um den Frankenschnellweg, die Energiewende oder neue Bahnprojekte geht: In Deutschland redet man bei Großprojekten meistens über explodierende Ausgaben, Zeitverzug und Zerwürfnisse. Prof. Dr. Peter Thuy, Chef der GPM, hat anlässlich des Bürgerentscheids zum Frankenschnellweg im Bayerischen Rundfunk mal einen Perspektivwechsel eingefordert. 'Über das Bauen wird viel geredet, aber wer redet darüber, wie man so ein Mammutprojekt eigentlich von Anfang an steuert?', sagt er – eine einfache, fast schon unbequeme Frage.

Thuy ist überzeugt: Der Grundstein für den Projekterfolg wird viel früher gelegt. 'Projektmanagement fängt nicht erst mit dem Ausheben der Baugrube an', betont er. Schon in der Entwicklungsphase müsse man sich darauf konzentrieren, verschiedene Interessen unter einen Hut zu bringen, Konflikte vorherzusehen und politische Ziele übersetzbar zu machen – im Grunde also das dicke Brett bohren, wenn noch gar kein Bohrer angesetzt wurde.

Infrastruktur ist (viel mehr als) Baukunst

Am Beispiel des Frankenschnellwegs – für viele einfach ein Bauvorhaben, für Thuy ein gesellschaftlicher Umbruch – wird die eigentliche Komplexität sichtbar: Ein Tunnel ist nicht bloß ein Loch im Boden. Er prägt Mobilität, schiebt die Stadtentwicklung an, beeinflusst Umwelt, Alltagsleben und lokale Wirtschaft. Wer das alles ausblendet, unterschätzt das Wesen solcher Projekte komplett.

Deshalb brauche es in Sachen Projektmanagement einen weiteren Horizont. Moderne Projektleiter:innen führen nicht nur Listen über Zeit und Geld. Sie balancieren Zielkonflikte, sorgen für Transparenz und agieren quasi als Dolmetscher oder Vermittler zwischen Verwaltung, Politik und allen möglichen Stakeholdern.

Die nächste Dekade wird zur Projektprobe

Die gigantischen Investitionen in Energie, digitale Infrastruktur und vieles mehr sind laut Thuy ein Startsignal: Es geht nicht mehr nur darum, ob gebaut wird, sondern wie. Deutschland muss Projektmanagement als Kernkompetenz begreifen – und zwar vom allerersten Tag an, bevor die eigentliche Arbeit beginnt.

Der Bürgerentscheid zum Frankenschnellweg, findet Thuy, ist deshalb kein Schlussakkord, sondern erst der Auftakt zu komplexer Projektarbeit. Ab jetzt zählt: Erwartungen synchronisieren, Risiken im Griff behalten, Unvereinbares zusammenbringen – leichter gesagt als getan.

Für die GPM heißt das: Ohne ganzheitliches, früh einsetzendes Projektmanagement bringen uns weder gute Architekten noch volle Kassen ans Ziel. Das große Fazit von Thuy: 'Deutschland braucht nicht nur mehr Geld, sondern auch einen grundlegend neuen Umgang mit Projektmanagement – sonst werden selbst die besten Pläne nicht Wirklichkeit.'

Wer tiefer in Thuys Argumente eintauchen will, findet mehr Infos im Interview oder im aktuellen Blogbeitrag.

Der Bürgerentscheid in Nürnberg zum Frankenschnellweg unterstreicht laut Prof. Dr. Peter Thuy die Notwendigkeit, bei Großprojekten in Deutschland den Fokus stärker auf das Projektmanagement und weniger nur auf die Bauphase zu legen. Erfolgreiches Management beginnt bereits in der konzeptionellen und kommunikativen Vorbereitung, schafft Akzeptanz und bewältigt Zielkonflikte, bevor der erste Bauzaun steht. Aktuelle Recherchen zeigen, dass insbesondere die Herausforderungen der Transformation – wie etwa die Einbindung von Klima- und Umweltschutz, Urbanisierung oder die Erreichung von Konsens unter unterschiedlichsten Gruppen – enorm gewachsen sind. Hinzu kommt, dass parallele Großprojekte wie die Digitalisierung der Verwaltung, die Planung neuer Bahntrassen und die Modernisierung bestehender Verkehrswege derzeit in ganz Deutschland die öffentliche Debatte bestimmen – begleitet von Bürgerbegehren, Klagen und neuen Beteiligungsformaten. Laut Frankfurter Allgemeine (FAZ) ist der Frankenschnellweg Gegenstand heftiger kommunaler Auseinandersetzungen: Während Befürworter Zeitersparnis und Entlastung sehen, warnen Kritiker vor mehr Verkehr und Naturverlust. Die Süddeutsche berichtet, dass bundesweit viele ähnliche Infrastrukturprojekte am mangelnden Dialog mit Bürgern oder missglücktem Change-Management scheitern. Spiegel Online beleuchtet, dass sich bei Bauprojekten wie der Fehmarnbeltquerung und beim Stuttgart21-Vorhaben durch mehr Transparenz und integratives Management zunehmend Konsens und Akzeptanz herstellen ließ. Daher gilt: Die Rolle des Projektmanagements selbst ist zu einem hochpolitischen Thema geworden, da Versäumnisse hier nicht nur Bauzeit und Budget, sondern auch gesellschaftliches Vertrauen kosten können.

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