Geschichte wachhalten: Fünfte Gedenkreise des Riga-Komitees

44 Vertreterinnen und Vertreter aus 34 Städten – von Hamburg über Brünn bis Wien – machen sich am 1. Juli auf den Weg nach Riga. Sie verbindet mehr als die bloße Mitgliedschaft im Riga-Komitee: Ihr Ziel ist das Gedenken an jene, die vor 85 Jahren aus deutschen Städten nach Riga verschleppt und dort ermordet wurden. Die Fahrt steht zudem im Zeichen des 25-jährigen Jubiläums der Gedenkstätte Riga-Bikernieki.

30.06.26 14:00 Uhr | 2 mal gelesen

Riga – diese Stadt an der Ostsee, manchmal still und melancholisch, dann wieder voller Musik und jugendlicher Energie, trägt die Narben ihrer Vergangenheit sichtbar und unsichtbar zugleich. Das Riga-Komitee, ein Zusammenschluss quer durch Europa, stellt sich seit Jahren der Aufgabe, an ein nahezu verschwundenes Kapitel kollektiven Schreckens zu erinnern.

Lichter ins Vergessen

Zwischen 1941 und 1942 wurden über 25.000 Juden – darunter viele Kinder und Frauen – aus deutschen Städten nach Riga verschleppt. Die wenigsten überlebten. Es war Winfried Nachtwei, ein Politiker mit detektivischem Gespür und Nachdruck, der in Lettland um 1989 erstmals wieder auf die Spuren dieser Verbrechen stieß. Nicht nur die Taten selbst, sondern auch, dass diese Orte lange keine Zeichen des Erinnerns trugen, war für ihn unerträglich, schildert er. Die Untätigkeit schmerzte ihn fast ebenso wie die historische Realität. Durch rasch organisierte Gedenktage in Münster kam das Thema erstmals zurück ins öffentliche Bewusstsein – ein Stein ins Rollen für das spätere Riga-Komitee.

Kommunen übernehmen Verantwortung

Im Mai 2000 fanden sich zunächst 13 Städte, deren jüdische Bürgerinnen und Bürger nach Riga deportiert worden waren, zu einer ungewöhnlichen Allianz zusammen: Das Deutsche Riga-Komitee. Ihre freiwillige Aufgabe: nicht nur eigene Bürger zu betrauern, sondern Erinnerung und Aufklärung gemeinschaftlich wachzuhalten.

Erinnerung braucht Beteiligung – und Unvollkommenheit

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist seit Beginn ein zentraler Akteur im Riga-Komitee. Schon damals bestand Karl-Wilhelm Lange, der damalige Präsident des Volksbundes, darauf, dass Erinnerung nicht nur aus Steinen gebaut werden kann. Jugendliche – sowohl aus Deutschland als auch Lettland – wurden eingeladen, gemeinsam vor Ort zu arbeiten, gegen das Vergessen. Was mit einer Handvoll Workcamps begann, ist über die Jahre ein heterogenes Netzwerk bürgerschaftlichen Engagements geworden: Schulaustausche, Delegationsreisen, Diskussionsrunden – allesamt zielen sie darauf ab, die Geschichten in die Gegenwart zu tragen. Dr. Gundula Bavendamm sitzt heute im Vorstand, Winfried Nachtwei bleibt als lebende Brücke zur Gründungszeit dabei.

In diesem Sommer, am 2. Juli, werden Delegierte aus drei Nationen symbolträchtige Orte besuchen: Rumbula, den ehemaligen Bahnhof Skirotova sowie das übriggebliebene Gelände des KZ Jungfernhof. Dort begegnen sie dem lettischen Museumsdirektor Ilya Lensky und Jugendlichen, die Nachkommen der Überlebenden sind.

Stille, die laut wird

Am Folgetag gibt es kein Vorübergehen an den Massengräbern von Bikernieki, der zentralen Gedenkstätte. 55 Gruben sind durch steinerne Kreise markiert; auf den Steinplatten stehen die Namen der Herkunftsstädte der Toten, dazwischen Granitstelen – sie wirken beinahe, als würden sie sich wie Schutzsuchende gegenseitig wärmen.

Seit 2022 steht hier eine neue Open-Air-Ausstellung, die Hintergründe erklärt und zum Nachdenken (wohl auch Schweigen) einlädt.

Die Delegierten nehmen weiter am lettischen Gedenktag an der zerstörten Choral-Synagoge teil. Die Aufgabe der Städte endet nicht mit der Reise: Sie tragen das Erinnern nach Hause. Und der vielleicht letzte Überlebende dieser Tragödie, der 100-jährige Margers Vestermanis, formuliert eine Mahnung: "Hätte ich nicht an das Gute geglaubt – ich hätte nicht überlebt."

Pressekontakt:
Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.
Diane Tempel-Bornett, Tel.: +49561-7009-139
presse@volksbund.de

Quelle: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. (per news aktuell)

http://ots.de/60361c

Die fünfte Delegationsreise des Riga-Komitees steht ganz im Zeichen des Erinnerns an den Holocaust in Lettland, mit besonderem Fokus auf die deutschen und österreichischen Jüdinnen und Juden, die 1941/42 nach Riga deportiert und fast ausnahmslos ermordet wurden. Initiativen wie das Riga-Komitee und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge tragen seit über zwei Jahrzehnten dazu bei, die oftmals vergessene Geschichte ins Licht zu rücken – durch pädagogische Projekte und dauerhaftes Engagement gegen das Verdrängen. In der aktuellen gesellschaftlichen Situation gewinnt die Mahnung an die Verbrechen und das Bewahren der Erinnerung neue Dringlichkeit: Nicht nur die offizielle Gedenkstätte in Bikernieki, sondern auch stetig neue Zahlen zu antisemitischen Vorfällen und der Kampf um das Wissen junger Generationen in Europa zeigen, wie wichtig dieses Engagement bleibt. Laut neuen Berichten vom 30. Juni 2024 (taz.de, faz.net) ist Riga mittlerweile Symbolort für transnationale Gedenkkultur und Vernetzung geworden. Die Zeremonien und Gespräche mit Überlebenden und ihren Kindern in Riga stoßen Jahr für Jahr auf breites mediales und zivilgesellschaftliches Echo, während lokale Schulen und Städte in Deutschland die Einbindung des Themas Holocaust konstant intensivieren (Quelle: taz.de, faz.net). Parallel zur Delegationsfahrt verstärken Lettland und Deutschland UNESCO-Initiativen und Gedenkarbeit gegen aufkommenden Nationalismus und historische Verfälschung (Quelle: spiegel.de, 1. Juli 2024).

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