„Auf 20-Stunden-Schichten folgt die Not-OP“
Burnout – ein Wort, das sich für viele wie ein leiser Hilferuf anfühlt. Für Dr. Usluer drückte es irgendwann vor allem Erschöpfung, Unverständnis und bittere Wut aus. Er berichtet, wie er Nächte ohne Schlaf in der Klinik verbrachte, stundenlang auf den Beinen war, nur um dann im Ernstfall noch eine OP durchführen zu müssen: „Das Risiko, in so einem Zustand Verantwortung für ein Menschenleben zu übernehmen, ist enorm. Wer behauptet, Ärzte könnten nach 20 Stunden Höchstleistung noch gefahrlos operieren, war nie dabei.“ Das System, kritisiert er, beutet seine eigenen Akteure ebenso aus wie es an den Patientengruppen spart, die ohnehin weniger gesehen werden – egal, ob das Pflegekräfte sind oder Reinigungspersonal.
Im Gespräch geht Usluer noch weiter: Diskriminierung durchzieht das Gesundheitssystem wie ein unangenehmes Grundrauschen. Wer nicht dem Bild des gesunden, weißen, heterosexuellen Cis-Mannes entspricht, hat messbar schlechtere Karten: „Frauen, Queers, Migrantinnen und Migranten, chronisch Kranke – für sie ist gute Medizin oft nicht mehr als ein Versprechen.“
„Unsere Norm ist alles, nur nicht normal“
„Dass wir immer noch den weißen, männlichen Körper zur Messlatte nehmen, ist eigentlich ein Armutszeugnis“, sagt Usluer. Medikationen etwa sind oft nur an Männern getestet, mit fatalen Folgen: Schlafmittel-Dosierungen, so der Mediziner, führen bei Frauen regelmäßig zu gefährlichen Nebenwirkungen, weil schlicht kein Datenbezug existiert. Herzinfarkte werden bei ihnen zudem vielfach übersehen, schwarze Mütter sterben statistisch häufiger im Kreißsaal. Flächendeckende Ignoranz – und das im Jahr 2024.
„Du bist keine Nummer – hol dir, was dir zusteht“
Was bleibt? Aufgeben – keine Option. „Heute kann, ja muss man für sich einstehen. Medizin lässt sich gestalten – und mitgestalten. Wer das nur über sich ergehen lässt, zahlt oft am Ende drauf“, gibt Usluer den Hörerinnen und Hörern mit auf den Weg. Die Macht zur Veränderung beginnt oft mit einem simplen Nein.
Den Podcast „Deutschland3000“ mit Dr. Usluer findet man übrigens überall, wo es Podcasts gibt – und in der ARD Audiothek: https://1.ard.de/-Deutschland3000?pm
Nachfragen? Kontakt: Norddeutscher Rundfunk, Presse: presse@ndr.de
Dr. Mertcan Usluer spricht offen über die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen im deutschen Gesundheitswesen: Zum Burnout geführt haben ihn u.a. endlose Schichten und eine Systematik, die auf Kosten von Ärzten, Pflegerinnen oder Servicekräften geht. Besonders gravierend sei, wie bestimmte Bevölkerungsgruppen im System strukturell benachteiligt werden: Frauen, queere und migrantisierte Menschen oder Personen mit Behinderungen erhalten statistisch nachweisbar schlechtere Versorgung. Usluer kritisiert, dass medizinische Forschung und Versorgung jahrzehntelang den weißen, männlichen Normkörper zum Maßstab nehmen, was nicht nur fehlerhafte Diagnosen, sondern auch tödliche Konsequenzen nach sich ziehen kann – insbesondere für schwarze Mütter, die bei Geburten ein signifikant höheres Risiko tragen. Neue Forschungen und politische Diskussionen in deutschen Medien betonen zunehmend den massiven Fachkräftemangel, die Burnout-Quote unter medizinischem Personal und wachsende soziale Disparitäten bei der Gesundheitsversorgung – auch ein kürzlich erschienenes Interview im Spiegel macht darauf aufmerksam, dass etwa Pflegepersonal in deutschen Kliniken fast täglich am Limit arbeite. Initiativen wie #PflegebrauchtZukunft oder Petitionen für mehr Diversität in der Medizin zeigen, dass die Problemlage gesellschaftlich endlich präsenter wird. Gleichzeitig weisen Stimmen aus der Politik und Fachverbänden darauf hin, dass ohne grundlegende strukturelle Reformen und mehr Ressourcen kaum nachhaltige Besserung möglich ist.