Wer je mit Lieferterminen jongliert hat, weiß: Zahlen erzählen nicht immer die ganze Wahrheit. „Wenn mir jemand eine fast schon zu hohe Pünktlichkeit vorlegt, frage ich direkt: Nach welchem Maßstab?“, meint Timm Trede, Chef des Hamburger Express-Logistikers zipmend. Da geht's schon los: Der eine sieht alles, was am Dienstag passiert, als pünktlich, der andere gibt Abweichungen von bis zu vier Stunden durch – und alle nicken es irgendwie ab. Gerade Expressdienstleister, die auf exakte Zeitfenster achten, haben da einen schwierigeren Stand als ihre Kollegen im Standardgeschäft. Dann gibt es noch die Kunst der Zahlentrickserei: Verspätungen dank Stau oder Zoll werden gern aus der Statistik gestrichen. Laut Trede und den Zahlen großer Konsumgüter-Hersteller hat das Methode – wo auf dem Papier 95 Prozent stehen, waren in der Praxis oft nur 86 Prozent zu holen. Das Spektrum je nach Transportart ist ebenfalls groß: Im Expressbereich schaffen manche Dienstleister tatsächlich die fast magischen 95–97 Prozent, klassische Komplettladungen bewegen sich zwischen 88 und 92 Prozent und im Stückgutverkehr liegen Werte um 83 Prozent laut internen Messungen voll im Trend. Wer also absolute Topwerte verspricht, aber die Messmethode nicht offenlegt, sollte einen zweiten Blick auf die Zahlen erlauben. Statt sich in bunten Charts zu verlieren, setzen seriöse Firmen auf eine detaillierte Fehleranalyse. Bei zipmend beispielsweise werden Gründe für Verspätungen genau dokumentiert – auch, um anschließend wirksam nachjustieren zu können. „Wir nehmen halt genauer Maß – selbst wenn's manchmal unbequem ist. Aber dafür wissen wir auch, wo’s hakt“, sagt Trede abschließend. Ein Ansatz, der zwar seltener als Werbeversprechen ist, dafür aber ehrlicher wirkt.
Logistikunternehmen geben oft beeindruckend hohe Pünktlichkeitswerte an; bei genauerem Hinsehen entpuppen sich solche Zahlen jedoch häufig als geschönt. Vielfach werden großzügige Zeitfenster, unterschiedliche Messmethoden und das Ausklammern von Verzögerungen durch äußere Umstände eingesetzt, um die Statistik zu frisieren. Experten empfehlen deshalb, kritisch nach der Transparenz und Plausibilität solcher Angaben zu fragen – und fordern nachvollziehbare und segmentbezogene Kennzahlen. In aktuellen Berichten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Süddeutschen wird zudem diskutiert, dass Lieferverlässlichkeit in Deutschland zunehmend unter Druck steht: Zum einen durch Personalmangel und zum anderen durch prekäre Verkehrsinfrastrukturen, was die Systematik hinter den Quoten zusätzlich infrage stellt. Ein weiterer Trend sind Echtzeit-Tracking-Lösungen, die Verspätungen transparenter machen – dies setzt jedoch die Branche weiter unter Zugzwang, echte Zahlen zu liefern und nicht nur mit Wunschbildern zu werben.