Hinter der Front: Die übersehenen Heldinnen Europas

Potsdam – Frauen marschierten stets mit. Von der Logistik bis in den Schützengraben haben sie Europas Kriege maßgeblich geprägt. Das neu erschienene Werk „Vergessene Soldatinnen“ wirft einen ehrlichen Blick auf weibliche Kriegsgeschichten – und Oberstabsgefreiter Gerrit Reichert spricht dazu mit der Historikerin Prof. Dr. Karen Hagemann.

26.05.26 18:27 Uhr | 31 mal gelesen

Man stellt sich den typischen Soldaten meist mit festem Kinn und markigem Blick vor. Unsere Bilder von Krieg – gerade seit dem 17. Jahrhundert – sind fast ausschließlich männlich, zumindest wenn man nach Denkmälern oder Geschichtsbüchern urteilt. Jeanne d'Arc, ja, oder vielleicht Friederike Krüger, deren Name immerhin so wichtig war, dass eine Kaserne nach ihr benannt wurde. Aber das sind Ausnahmen, und wie Ausnahmen das so an sich haben, bestätigen sie erstmal vor allem die Regel. Blickt man allerdings hinter die offizielle Erinnerung, kippt das Bild. Ohne Frauen ging jahrhundertelang gar nichts. Sie sorgten an den Trossen für Nachschub, halfen schwer bepackt auf Feldzügen, kochten für Regimenter und standen – das weiß kaum jemand – nur manchmal einen Schritt hinter der Front, nicht selten aber direkt daneben. Quellen erzählen von uniformierten Frauen mit Waffen am Schlachtfeldrand, manchmal sogar mittendrin. Revolutionären Mut gab’s etwa 1792, als Frankreich offiziell die „Femme Soldats“ einführte – kurze Episode, große Signalwirkung. Später, gerade ab dem Krimkrieg, waren Frauen medizinisch gar nicht mehr wegzudenken. In Russlands und Polens Einheiten während der Weltkriege war es schließlich fast selbstverständlich, dass Frauen als Kämpferinnen mittaten. Ansonsten arbeiteten sie in fast allen militärischen Bereichen: von Funk bis Fliegerabwehr, Werkstatt bis Schreibstube. Über 130 unterschiedliche Aufgaben. Oft dasselbe wie die Männer, nur dass man sie seltener jubelte. Die Historikerin Prof. Dr. Karen Hagemann hat das mit dem Buchtitel „Vergessene Soldatinnen“ ganz bewusst provozierend benannt. Warum, fragt man? Naja: Was unterscheidet die Helferin von einem Sanitätssoldaten? Sie trugen dieselbe Verantwortung, dieselbe Uniform, manchmal sogar denselben Mut. Auch die 160.000 deutschen Flakhelferinnen waren kaum anders als ihre männlichen Kollegen. Provokation ist also keine Panikmache, sondern bittere Nüchternheit. Der Podcast vertieft genau das. Zu hören übrigens überall, wo es Podcasts gibt: Bei Apple, Spotify, Youtube.

Frauen spielten seit jeher eine deutlich größere Rolle in Kriegen Europas, als gemeinhin angenommen wird – sie kämpften, versorgten, lenkten, reparierten und organisierten im Hintergrund ebenso wie an der Front. Obwohl ihre Leistungen historisch oft übersehen oder nur randständig gewürdigt wurden, belegen aktuelle Forschungen – wie das Buch von Karen Hagemann – die Vielgestaltigkeit und tatsächliche Gleichrangigkeit ihres Beitrags seit dem 17. Jahrhundert. Die öffentliche Wahrnehmung beginnt sich durch neue Forschungsarbeiten, Podcasts und gesellschaftliche Diskussionen schrittweise zu öffnen, was sich auch im aktuellen Fokus vieler historischer Medien zeigt. Zudem ist gerade in Deutschland der Diskurs um Sichtbarkeit weiblicher Soldaten durch die Bundeswehrreformen und öffentliche Umbenennungen weiter in Bewegung. Die zeitgenössische Forschung beleuchtet auch die langen Auswirkungen auf Gleichberechtigung und kollektives Gedächtnis.

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