Jesidischer Zentralrat bemängelt mangelnde Fortschritte nach Völkermord-Anerkennung

Drei Jahre nach der einstimmigen Bundestagsentscheidung zur Anerkennung des Völkermords an den Jesiden durch den sogenannten Islamischen Staat wartet die Religionsgemeinschaft weiterhin vergeblich auf spürbare Veränderungen und echte Maßnahmen.

heute 00:03 Uhr | 4 mal gelesen

Manchmal klingt eine politische Anerkennung vielversprechend – doch was bedeutet sie tatsächlich im Alltag? Irfan Ortac, Vorsitzender des Zentralrats der Jesiden in Deutschland, scheint ernüchtert: Vieles, was einst im Bundestag beantragt und wortreich verkündet wurde, bleibt laut seiner Einschätzung auf halber Strecke liegen oder wird zwischen Bund und Ländern hin- und hergereicht. Als Beispiel nennt er den geforderten Lehrstuhl zur jesidischen Kultur an einer deutschen Universität – die Finanzierung bleibt ein lästiges Hin und Her zwischen Bund und Ländern, während auf Seiten der Jesidengemeinschaft langsam aber sicher Resignation einzieht. Aber nicht nur die großen Themen stocken: Selbst Anträge für einen Gedenkort verharren im bürokratischen Stillstand. Im Alltag schlagen sich diese Versäumnisse besonders für Schulkinder nieder, berichtet Ortac weiter: Sie werden oft als „Teufelsanbeter“ verhöhnt und viele Lehrkräfte sind schlicht überfordert, das Thema überhaupt differenziert zu behandeln. Hinzu kommt – und hier klingt Frustration durch –, dass, anstatt Schutz zu bieten, jesidische Menschen immer wieder als Erste von Abschiebungen betroffen sind, trotz gegenteiliger Anträge und Versprechen. Im Januar 2023 erklärte der Bundestag die durch IS begangenen Gräueltaten offiziell zum Völkermord – geblieben ist bislang vor allem viel Papier.

Obwohl die Anerkennung des Genozids als wichtiger symbolischer Schritt für die jesidische Gemeinschaft gilt, zeigen aktuelle Recherchen, dass es nach wie vor an einer systematischen Umsetzung der zugesagten Maßnahmen fehlt. Der Zentralrat der Jesiden prangert an, dass weder Lehrstühle noch Gedenkorte verwirklicht wurden und Integration sowie Schutz vor Abschiebung steckenbleiben. Verschiedene Medienberichte bestätigen: Auch nach erneuten Appellen bleibt der politische Wille zur konsequenten Unterstützung eher verhalten; der Spagat zwischen Symbolpolitik und echter Veränderung bleibt offensichtlich bestehen.

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