Junge Beschäftigte in Deutschland: Häufig zu gut ausgebildet für ihren Beruf

Fast jeder siebte Arbeitnehmer unter 35 bringt mehr Bildungsabschlüsse mit, als seine Arbeit eigentlich verlangt.

heute 08:34 Uhr | 3 mal gelesen

Neulich hat das Statistische Bundesamt etwas Faszinierendes herausgefunden: 15 Prozent der Erwerbstätigen zwischen 15 und 34 Jahren in Deutschland sind eigentlich zu gut qualifiziert für ihren aktuellen Job – ein schräges Gefühl, wenn man bedenkt, wie viel Zeit, Geld und Hoffnung oft in so einen Abschluss fließen. Die große Mehrheit (78 Prozent) sitzt mit einer passenden Ausbildung am Arbeitsplatz. Auffällig: Junge Frauen fühlen sich etwas häufiger überqualifiziert als junge Männer, während Männer öfter berichten, den Job „ohne die richtige Qualifikation“ zu machen. Besonders aufschlussreich wird’s, wenn ich auf diejenigen mit Einwanderungsgeschichte schaue. Unter ihnen, insbesondere bei den Selbstzugewanderten, ist Überqualifikation noch häufiger: Fast jeder Fünfte arbeitet unterhalb seines Abschlussniveaus. Viele von ihnen finden sich jedoch auch am anderen Ende: 14 Prozent sagen, sie sind eher unterqualifiziert. Wäre ich in der Situation, würde ich wohl müde lächeln und an all die seltsamen Bewerbungsprozesse denken, die Menschen mit ausländischen Zeugnissen in Deutschland manchmal erleben. Noch ein interessanter Nebenaspekt: Rund 22 Prozent aller jungen Erwerbstätigen – Männer wie Frauen recht gleichmäßig – geben an, dass ihre erlernte Fachrichtung gar nicht oder nur halb zu ihrer gewählten Tätigkeit passt. Das gilt mit 28 Prozent verstärkt für jene mit Einwanderungshintergrund; am extremsten trifft es Einwanderer, die selbst eingewandert sind. Wer meint, „Lehramt und Praxis passen doch immer zusammen“, irrt offensichtlich (auch in anderen Berufen ist das nicht besser).

Eine neue Analyse verdeutlicht: Viele junge Menschen in Deutschland sind formal besser ausgebildet als ihre Berufe verlangen, was besonders Menschen mit Zuwanderungserfahrung betrifft. Dies führt meist zu Frust, dem Gefühl, Potenzial zu verschenken, und spiegelt sich im deutschen Arbeitsmarkt wider, wo Anerkennung von Abschlüssen aus dem Ausland oft schwierig bleibt – trotz Bemühungen um Reformen. Zusätzlich steckt hinter der Zahlen-Statistik auch eine gesellschaftliche Frage: Spiegelt sie lediglich einen dynamischen Arbeitsmarkt oder steckt auch ein strukturelles Problem bei Chancengleichheit und Integration dahinter? Neuere Berichte, z. B. bei taz, spiegeln, dass Deutschland in der Angleichung von Beruf und Ausbildung im OECD-Durchschnitt stagniert; auch die Süddeutsche Zeitung und Zeit Online greifen die Schwierigkeiten junger Migrantinnen und Migranten im Arbeitsmarkt auf und fordern mutigere Integrationsmaßnahmen. Augenfällig ist zudem, dass sich viele junge Leute durch die Diskrepanz zwischen Qualifikation und Job emotional unterfordert fühlen – ein Umstand, der laut DW.com langfristig zu geringerer Arbeitsmotivation führen kann.

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