Langsamer Fortschritt: Ostdeutsche in Machtpositionen weiterhin unterrepräsentiert

In den Führungsetagen von Firmen, Behörden und Institutionen gibt es zwar einen leichten Zuwachs ostdeutscher Vertreter – der Abstand zum eigenen Bevölkerungsanteil bleibt jedoch groß. Die gesellschaftliche Spitzenlandschaft zeigt sich weiterhin unausgeglichen.

heute 10:59 Uhr | 2 mal gelesen

Ein Forschungsteam, das aus Wissenschaftler*innen der Unis Leipzig und Jena sowie der Hochschule Zittau-Görlitz besteht, ist jüngst mal wieder den Zahlen auf den Grund gegangen: Von 2018 bis 2024 stieg der Anteil Ostdeutscher in sogenannten Elitepositionen von 10,9 auf 12,1 Prozent – winziger Schritt, wenn man bedenkt, dass etwa ein Fünftel der Bevölkerung aus dem Osten stammt. Interessant dabei: In der öffentlichen Verwaltung und in der Wissenschaft gab's erfreuliche Zuwächse; aber in Bereichen wie Wirtschaft, Kultur, Sicherheit und Zivilgesellschaft ist der Trend sogar leicht rückläufig. In Politik, Militär, Medien, Religion, Gewerkschaften und Justiz bewegt sich der Zuwachs gerade mal im Nachkommabereich. Allerdings: Nur im politischen Bereich – und das auch bloß, wenn Länderebene mitgerechnet wird – spiegelt der Anteil Ostdeutscher die Demografie einigermaßen wider. Prof. Lars Vogel (Uni Leipzig) bringt's auf den Punkt: Die geringe Zahl Ostdeutscher in Führungspositionen lässt sich nicht nur mit der „Altlast“ der Wende erklären. Ausschlaggebend seien auch verschiedene Karrierewege, regionale Besonderheiten, der Zugang zu informellen Netzwerken und schlicht die Frage, wessen Erfahrungen überhaupt als „passend“ für Spitzenjobs gelten. Politikwissenschaftlerin Astrid Lorenz spricht von „Mauern im Kopf“ und meint, die vielzitierte These vom „nachholenden Aufstieg“ halte nur sehr eingeschränkt, weil es sowohl offene als auch subtile Hürden beim gesellschaftlichen Aufstieg gebe. Kurz: Es hat sich was bewegt, aber irgendwie auch kaum. Die Gesellschaft ringt um Augenhöhe, während viele im Osten auf Dauer im Zuschauerraum sitzen bleiben.

Der Anteil Ostdeutscher in Elitenpositionen ist seit 2018 zwar von 10,9 % auf 12,1 % gestiegen, bleibt damit aber deutlich unter dem ostdeutschen Bevölkerungsanteil von rund 20 %. Besonders Verwaltung und Wissenschaft zeigen Besserung, doch in Wirtschaft, Kultur und anderen Bereichen stagniert oder sinkt der Anteil sogar. Ursachen sind laut Forschenden weniger die Nachwirkungen der DDR, sondern vor allem ungleiche Karrierechancen, fehlende Netzwerke und ein nach wie vor regional geprägtes Bild passender Lebensläufe. Der Osten kämpft weiterhin mit formalen und informellen Barrieren auf dem Weg in gesellschaftliche Führungsetagen. Neuere Diskussionen thematisieren zudem die Gefahr, dass diese Ungleichheit den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die demokratische Legitimation schwächen könnte – insbesondere vor dem Hintergrund politischer Spannungen und einer erstarkenden AfD in Ostdeutschland. Drei aktuelle Artikel beleuchten das Thema vertieft und ordnen die Daten im Kontext gesellschaftlicher Debatten ein.

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