Manipulierte Wolfszahlen: Wie das Umweltministerium Deutschlands Wolfspopulation politisch umdeutete

Berlin/Mainz – Eigentlich sollten unbeeinflusste wissenschaftliche Gutachten über den Schutzstatus des Wolfs entscheiden. Doch aus behördeninternen Papieren geht hervor: Im Bundesumweltministerium wurde die wissenschaftlich als bedroht geltende Lage plötzlich politisch zum Vorteil umgedeutet – mit weitreichenden Konsequenzen für die Bejagung des Wolfs in Deutschland.

11.12.25 11:48 Uhr | 74 mal gelesen

Es ist fast schon ein klassischer Fall deutscher Verwaltung – und doch bleibt ein bitterer Nachgeschmack: In einer ersten Fassung eines Berichts des Bundesamts für Naturschutz (BfN) stand ohne Umschweife, dass der Wolf in Deutschland weiterhin als 'gefährdet' einzustufen sei. Damit hätte die erneute Debatte um Ausnahmen und Jagd auf den Wolf einen anderen Verlauf genommen – auf Faktenbasis eben. Doch neue, bislang unter Verschluss gehaltene Dokumente zeichnen jetzt nach, wie aus diesem wissenschaftlichen Vorgehen unvermittelt politisch motivierte Anweisungen wurden: Statistiken und Karten, die zuvor noch ein kritisches Bild zur Verbreitung des Wolfs zeigten, verschwammen plötzlich zu einem freundlicheren Gesamtbild. Das – und das ist das eigentlich Unerhörte – öffnet politischen Entscheidungsträgern, namentlich dem Bundeslandwirtschaftsminister, die Tür zur fast flächendeckenden Freigabe der Wolfsjagd. Besorgniserregend: Der politische Druck und die Einflussnahme blieben keineswegs bei Staatssekretär Jochen Flasbarth hängen. Vielmehr haftet die oberste Verantwortung Bundesumweltminister Carsten Schneider an – jener Person, die letztlich die Mitschrift für die Bundesregierung nach Brüssel sendet. Warum wissenschaftliche Standards kurzerhand ignoriert wurden? Die Antwort darauf bleibt bislang aus. Wildtierschutz Deutschland e.V. engagiert sich schon lange gegen eine veraltete Jagdgesetzgebung. Dass ausgerechnet im sensiblen Fachbereich Artenschutz manipuliert wird, dürfte dem Diskurs über gesellschaftlichen Naturschutz einen Bärendienst erweisen – oder, um im Bild zu bleiben: dem Wolf ein gefährliches Spiel bescheren.

Im Kern steht ein schwerwiegender Vorwurf: Die Einordnung des Wolfs‘ Erhaltungszustandes als 'günstig' wurde im Bundesumweltministerium entgegen wissenschaftlicher Empfehlungen politisch bestimmt. Interne Berichte verdeutlichen, dass zentrale Zielmarken nachträglich dem politischen Willen angepasst wurden. Das hat zur Folge, dass EU-rechtliche Berichtspflichten auf wackeliger Grundlage erfüllt wurden und der Spielraum für die Bejagung des Wolfs in Deutschland größer wird. Aktuelle Recherchen zeigen, dass die Diskussion um den Umgang mit dem Wolf auch in den vergangenen Tagen brisant blieb. In den letzten 48 Stunden berichtete beispielsweise die Süddeutsche Zeitung ausführlich von weiter zunehmenden Wolfssichtungen und Konflikten in Agrarregionen. Zeitgleich meldete die FAZ neue politische Vorstöße auf EU-Ebene, den Schutzstatus des Wolfs an die Realität dynamischer Bestände anzupassen, und die taz berichtet von Protesten von Umweltverbänden, die eine unabhängige Neubewertung fordern. Die Debatte bleibt emotional aufgeladen und spiegelt nicht nur naturschutzfachliche, sondern zutiefst politische Interessenlagen wider.

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