Olaf Scholz: Habermas als moralischer Kompass – Ein persönlicher Nachruf

Ehemaliger Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) erinnert sich an den verstorbenen Denker Jürgen Habermas als dauerhaften Leitstern, der sein Wertegerüst und die Weise, politisch zu denken, entscheidend geprägt hat. In einem emotionalen Beitrag für den 'Stern' beschreibt Scholz, wie Habermas über Jahrzehnte hinweg zu seiner moralischen Instanz wurde – und wie maßgeblich dessen Bücher, allen voran der 'Strukturwandel der Öffentlichkeit', sein Verständnis für demokratische Aushandlungsprozesse beeinflussten.

heute 14:00 Uhr | 3 mal gelesen

Das Schlüsselerlebnis, so Scholz, war für ihn das Gymnasium: Der Anstoß durch einen engagierten Lehrer, sich mit Habermas zu beschäftigen, habe bei ihm den Grundstein gelegt. Nach der Lektüre dieses Klassikers, der in der politischen Theorie schon fast einen mythischen Status genießt, sei ihm klargeworden, wie unverzichtbar der sachliche Diskurs für eine funktionierende Demokratie ist. 'Rationale Verständigung – das klingt abstrakt, ist aber im Endeffekt das Fundament jeder freien Gesellschaft', sinniert Scholz. Der daraus erwachsende Glaube an ständigen Streit um Argumente und den fortwährenden Dialog hat den SPD-Politiker nie verlassen. Insbesondere der Begriff „Respekt“, ein Leitmotiv seines Wahlkampfes, wurzelt für Scholz direkt in Habermas' Nachdenken über gesellschaftliche Gleichheit. Ein Gedankensplitter: Wenn wirklich niemand auf jemanden hinabsieht, weil dieser auf dem Papier weniger 'erfolgreich' ist, besteht Hoffnung für unser demokratisches Gemeinwesen. Habermas, so prophezeit Scholz, werde allen Verteidigern von Vernunft und Pluralität auf Dauer als Navigationshilfe dienen. Er endet mit einem fast banalen, aber menschlich berührenden Satz: 'Nicht nur ich werde ihn vermissen.'

Der Text beleuchtet, wie tief Jürgen Habermas’ Philosophie das Demokratieverständnis von Olaf Scholz geprägt hat: zentrale Begriffe wie Öffentlichkeit, Diskurs oder Respekt ziehen sich durch Scholz’ Politikbegriff. Habermas’ Betonung der rationalen Auseinandersetzung und die Forderung nach der Gleichwürdigkeit aller Bürger sind bis heute hochaktuelle Stichworte im politischen Diskurs. In den vergangenen Tagen wurde in vielen Leitmedien erneut auf die außergewöhnliche Strahlkraft von Habermas für die politische Öffentlichkeit hingewiesen: Die 'Süddeutsche' etwa würdigt ihn als letzten großen Universalgelehrten Deutschlands und hebt seine prägende Rolle für Generationen von Politikern und Studierenden hervor. Der Diskurs um Gleichheit und Anerkennung, vor allem in Zeiten gesellschaftlicher Spaltung, ist – angesichts populistischer Strömungen und wachsender sozialer Ungleichheit – zentraler denn je. Auch internationale Stimmen, zum Beispiel in 'The Guardian' oder der 'New York Times', betonten zuletzt Habermas’ Relevanz für Demokratiefragen im globalen Maßstab. Überraschend ist vielleicht, wie tiefgreifend ein Philosoph, den viele als 'Theoretiker' wahrnehmen, tatsächliche Regierungspolitik und das praktische Denken im Kanzleramt beeinflusste.

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