Rita Süssmuth, geboren 1937, war eines der nachhaltigsten weiblichen Gesichter der deutschen Politik – nicht nur als Präsidentin des Bundestags von 1988 bis 1998, sondern auch schon davor als Ministerin für Jugend, Familie und Gesundheit. Ihr pragmatischer, teilweise ungewöhnlich empathischer Ansatz in der Aids-Politik löste damals gesellschaftliches Umdenken aus; unter ihrer Ägide wurde z.B. in den späten 1980ern ein Klima der Offenheit und Prävention gefördert. Spätestens mit der Vereidigung als Bundestagspräsidentin wurde sie zu einer der lautesten Fürsprecherinnen für Frauenrechte und setzte sich beharrlich für mehr Diversität in der Politik ein, nicht selten mit einem Augenzwinkern – und immer mit Haltung. Interessanterweise galt sie parteiübergreifend als moralische Instanz. Ganz abgesehen von den politischen Schlaglichtern war sie auch akademisch sehr aktiv, dozierte an verschiedenen Universitäten und mischte sich bis ins hohe Alter in gesellschaftliche Debatten ein. Zuletzt meldete sie sich vor allem zum Thema Migration immer wieder mit nachdenklichen, oft versöhnlichen Tönen zu Wort. Ob sie selbst manchmal an ihrer Wirksamkeit zweifelte, ist nicht leicht zu sagen – aber dass die politischen Routinen ihr nie genügt haben, das bleibt ziemlich unbestritten. Nachtrag: Süssmuth war Ehrenvorsitzende mehrerer Stiftungen und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband.
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