Rita Süssmuth – Abschied von einer prägenden Stimme im Bundestag

Rita Süssmuth, einstige Bundestagspräsidentin und engagierte CDU-Ikone, ist im Alter von 88 Jahren verstorben.

heute 15:48 Uhr | 4 mal gelesen

Am Sonntag wurde öffentlich, dass Rita Süssmuth, die das politische Parkett der Bundesrepublik über Jahrzehnte maßgeblich mitgestaltet hat, verstorben ist. Die Nachricht verbreitete Julia Klöckner, derzeitige Parlamentspräsidentin, in einem persönlichen Statement. Wer Süssmuth je begegnet ist, spürt wohl, wie tief ihr Wirken noch heute nachhallt: „Sie war eine Persönlichkeit, die Grenzen sprengte, eine leidenschaftliche Streiterin für Gleichberechtigung und gesellschaftliches Miteinander“, so Klöckner, hörbar bewegt. Ihre Arbeit im Kampf gegen HIV/Aids in den 1980ern – zu einer Zeit, als Angst und Stigmatisierung überwogen – bleibt Vorbild. Süssmuth hielt ihre Überzeugungen nicht zurück, nicht einmal dann, wenn es unbequem wurde. Gerade im Ringen um die Rechte und Sichtbarkeit von Frauen oder Minderheiten zeigte sie eine fast störrische Entschlossenheit, die heute fast aus der Zeit gefallen scheint. Auch war ihr öffentlich gelebter katholischer Glaube stets Quelle ihrer Energie. Besonders bemerkenswert: selbst nach ihrem offiziellen Abschied aus dem Bundestag blieb sie kritisch, zugewandt, suchend. Auf vielen Ebenen – politisch, gesellschaftlich, menschlich – hinterlässt sie eine Lücke, die schwer zu füllen sein wird. Kurios – ihr letzter öffentlicher Auftritt wirkte beinahe wie ein Abschied in Etappen, voller Wärme, aber auch mit leisem Trotz gegenüber allzu bequemen Kompromissen.

Rita Süssmuth, geboren 1937, war eines der nachhaltigsten weiblichen Gesichter der deutschen Politik – nicht nur als Präsidentin des Bundestags von 1988 bis 1998, sondern auch schon davor als Ministerin für Jugend, Familie und Gesundheit. Ihr pragmatischer, teilweise ungewöhnlich empathischer Ansatz in der Aids-Politik löste damals gesellschaftliches Umdenken aus; unter ihrer Ägide wurde z.B. in den späten 1980ern ein Klima der Offenheit und Prävention gefördert. Spätestens mit der Vereidigung als Bundestagspräsidentin wurde sie zu einer der lautesten Fürsprecherinnen für Frauenrechte und setzte sich beharrlich für mehr Diversität in der Politik ein, nicht selten mit einem Augenzwinkern – und immer mit Haltung. Interessanterweise galt sie parteiübergreifend als moralische Instanz. Ganz abgesehen von den politischen Schlaglichtern war sie auch akademisch sehr aktiv, dozierte an verschiedenen Universitäten und mischte sich bis ins hohe Alter in gesellschaftliche Debatten ein. Zuletzt meldete sie sich vor allem zum Thema Migration immer wieder mit nachdenklichen, oft versöhnlichen Tönen zu Wort. Ob sie selbst manchmal an ihrer Wirksamkeit zweifelte, ist nicht leicht zu sagen – aber dass die politischen Routinen ihr nie genügt haben, das bleibt ziemlich unbestritten. Nachtrag: Süssmuth war Ehrenvorsitzende mehrerer Stiftungen und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband.

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