Die aktuelle Lage im zentralen Mittelmeer ist nahezu kafkaesk: Während private Seenotretter wie die Justice Fleet von Italiens Behörden festgesetzt werden – nicht zuletzt weil sie im Einsatz Kontakt zur libyschen Küstenwache meiden –, häufen sich vor Italiens Küsten die Todesfälle von flüchtenden Menschen. Laut IOM war der Jahresstart 2026 der blutigste seit über zehn Jahren. Allein dieses Jahr sind nach vorsichtigen Schätzungen mindestens 725 Menschen ertrunken, verschwunden oder auf andere tragische Weise ums Leben gekommen. Gerade in den jüngsten Wochen war kaum ein Tag ohne Berichte von Toten.
Ungeachtet der humanitären Katastrophe verlangt eine parteiübergreifende Gruppe von Bundestagsabgeordneten in einem Osteraufruf, die Unterstützung für die libyschen Behörden dringend zu stoppen. Menschenrechtsberichte bezeichnen die libysche Küstenwache als tief verwoben mit Milizen und Menschenhändlern; Misshandlungen, Folter und sexualisierte Gewalt gegen Geflüchtete sind dokumentiert.
Trotz alledem hält die Bundesregierung die Option einer weiteren Ausbildung dieser Küstenwache offen, wie parlamentarische Anfragen offenlegen. Marie Michel von SOS Humanity bringt es auf den Punkt: Zivile Retter werden für ihre Loyalität zum Völkerrecht bestraft, während die faktische Beihilfe zu Menschenrechtsbrüchen nicht geahndet wird.
Die Festsetzungen ziviler Rettungsschiffe durch Italien hatten in den letzten Monaten einen deutlich spürbaren Effekt auf die ohnehin prekäre Lage im zentralen Mittelmeer. Verschärft wird dies durch die Rekordzahl an Todesopfern in diesem Jahr – vor allem aufgrund ausbleibender Seenotrettung. Aktuelle UN- und NGO-Berichte zeigen erneut, dass die libysche Küstenwache tief in gewalttätige Verbrechen gegen Flüchtende verwickelt ist, dennoch setzen EU-Staaten – unter ihnen auch Deutschland – ihre Kooperationsprogramme fort. Die Kritik an dieser Praxis wird lauter: Forderungen, sämtliche materielle und finanzielle Unterstützung für libysche Akteure zu beenden, werden sowohl von NGOs als auch von 128 Bundestagsabgeordneten erhoben. Auf gesellschaftlicher Ebene ist das Thema inzwischen ein Politikum, doch die politischen Reaktionen wirken oft vage und widersprüchlich. Erst kürzlich berichtete etwa die FAZ über die erneute Blockade einer Rettungsmission vor Lampedusa, während taz am Wochenende Einblicke in die Lebensrealität Überlebender auf Sizilien veröffentlichte. Erschreckend bleibt vor allem die Diskrepanz zwischen humanitärer Not und politischem Handeln.