Zwischen Mitgefühl und Begehren: Was die große Umfrage zu Veganismus und Sexualität offenbart

Eine europaweite Studie mit über 2.000 Veganerinnen und Veganern untersucht, wie stark ethische Überzeugungen in den Bereich der Anziehung und Partnerschaft hineinwirken – und überrascht mit neuen Einsichten.

heute 10:33 Uhr | 2 mal gelesen

Seit Jahren wird in sozialwissenschaftlichen Kreisen diskutiert, ob es eine Schnittstelle zwischen Ethik und Erotik gibt – genauer gesagt: ob Veganismus mehr sein kann als ein Ernährungskonzept und tatsächlich Teil sexueller Anziehungsfaktoren wird. Die Grenzen verschwimmen, denn immer öfter taucht das Phänomen auf, dass Menschen aus Überzeugung auch auf Beziehungsebene Selektionskriterien setzen. Die bislang umfassendste Untersuchung zu diesem Thema stammt von vegan.eu in Zusammenarbeit mit Gleichklang.de; befragt wurden 2.100 Erwachsene, die sich vegan ernähren. Die Idee war simpel und gewitzt zugleich: Gibt es unter Veganer:innen tatsächlich eine Gruppe, die speziell andere Veganer:innen erotisch anziehend findet – nicht als Nebengeschmack, sondern als zentrales Kriterium? Und wie beeinflusst das dann Partnerschaft und Sexualleben? Die Ergebnisse: Ja, es gibt sie. Je nachdem, wo man die Grenze zieht, sehen sich 14 bis 27 Prozent der Befragten als deutlich „vegansexuell“ – für sie ist Veganismus mehr als nur ein Symbol, sondern expliziter Bestandteil erotischer Fantasien und Partnerwahl. Erstaunlich ist zudem, dass genau diese Gruppe in gleichgesinnten Partnerschaften eine höhere Beziehungszufriedenheit wie auch sexuelle Erfüllung erfährt – während Umfragen unter Veganern ohne diese Präferenz keinen Unterschied zeigen, ob ihr Partner Fleisch isst oder nicht. Besonders auffällig ist der hohe Frauenanteil (rund zwei Drittel), was den Trend in internationalen veganen Samples bestätigt. Die Befragten waren zwischen 18 und 84 Jahre alt, knapp zwei Drittel in festen Beziehungen. Unter kontrollierten Bedingungen (beispielsweise Rekrutierungskanal, Bildungsgrad, etc.) blieben die Ergebnisse belastbar und konsistent, was der Validität der Studie ordentlich Auftrieb gibt. Erfasst wurde die Präferenz mit einer 24-teiligen Skala, die sowohl Anziehung zu Veganern als auch Aversion gegenüber tierproduktverzehrenden Menschen abfragt. Fast schon poetisch: Wer sich besonders stark zu vegan lebenden Menschen hingezogen fühlt, empfindet oft sogar eine milde Abwehr gegenüber Allesessern. Ein interessanter Nebenaspekt zeigt sich beim Vergleich: Während in der Allgemeinbevölkerung alternative sexuelle Präferenzen (etwa Sapiosexualität) selten auftreten, sind in der veganen Szene fast jede:r Vierte bis Fünfte von vegansexual attraction betroffen – kein Pillepalle-Wert. Natürlich gibt es wie immer einige Einschränkungen: Die Umfrage ist querschnittlich und nicht kausal – sprich: Es wird nicht nachgewiesen, warum jemand so fühlt, sondern nur dass es so ist. Dennoch geben die Befunde einen Anstoß: Offenkundig hat Moral das Potenzial, zur Sinneslust beizutragen. Zusammengenommen zeigen die Zahlen: Je mehr ein Paar Werte teilt, desto zufriedener, auch im Bett. Vielleicht ist das am Ende gar nicht so weit entfernt von der uralten Weisheit: Gleich und gleich gesellt sich gern – selbst, wenn es um Brokkoli statt Bratwurst geht.

Die Studie von Gleichklang.de und vegan.eu lenkt den Blick auf ein bislang eher randständiges, aber offenbar weit verbreitetes Phänomen: Veganismus als eigenständiger Faktor sexueller Anziehung (Vegansexualität). Besonders bemerkenswert ist der Anteil von 14-27 % der Befragten, für die eine vegane Lebensweise beim Partner explizit erotisch aufgeladen ist. Diese Tendenz spiegelt sich nicht nur in Fantasien, sondern auch in Beziehungskonstellationen und -zufriedenheit wider – Veganer:innen mit vegansexueller Präferenz leben wesentlich zufriedener mit ebenso veganen Partner:innen. Aus anderen Medienrecherchen ergibt sich, dass Fragen nach Ethik im erotischen Kontext auch in anderen Lebensbereichen – wie etwa in der politischen Partnerwahl oder bei spiritueller Suche – zunehmend Thema werden. In aktuellen Diskussionen (vgl. taz, ZEIT und FAZ) werden immer häufiger Überschneidungen von Wertegemeinschaft und intimer Nähe beobachtet – speziell vegan lebende Menschen ziehen oftmals klarere Grenzen und entwickeln, teils unbewusst, neue Kriterien für Wunschpartner:innen. Die Forschung hebt hervor, dass Vegansexualität weder als Modeerscheinung noch als identitätspolitischer Ausdruck abgetan werden sollte; vielmehr handelt es sich laut den Autoren um eine psychologisch konsistente und praktisch relevante Erweiterung klassischer sexueller Präferenzstrukturen. Hinzu kommt, dass sich die Ergebnisse mit internationalen Trends decken: Auch Studien aus den USA und Australien zeigen, dass die Bereitschaft, bei der Partnersuche auf Ernährungsgewohnheiten zu achten, in den letzten Jahren zunimmt. Der Einfluss sozialer Netzwerke und spezialisierter Dating-Plattformen verstärkt diesen Trend weiter. Kritische Stimmen warnen dagegen vor neuer Ausgrenzung und Filterblasen, wenn persönliche Werte zu exklusiven Partnerwahlkriterien werden.

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