Kaum jemand prägte das wirtschaftliche Klima der USA (und darüber hinaus) so nachhaltig wie Alan Greenspan. Wie verschiedene US-Medien berichten, ist der legendäre Ökonom und Ex-Fed-Chef am Montag, im bemerkenswerten Alter von 100 Jahren, verstorben.
Seine Zeit als Vorsitzender der Federal Reserve – er diente unter vier verschiedenen US-Präsidenten – war geprägt von einer unvergleichlichen Langlebigkeit an der Spitze der amerikanischen Zentralbank. Die Ära, die auch als "Great Moderation" in die Geschichtsbücher eingegangen ist, brachte den Vereinigten Staaten fast zwei Jahrzehnte mit stabilen Preisen, florierenden Börsen und stetigem Wachstum.
Doch ganz ohne Störgeräusche verlief das alles natürlich nicht: Gleich mehrere Turbulenzen überschatteten Greenspans glanzvolle Bilanz, beispielsweise der Absturz der Börse an einem schwarzen Montag 1987 ebenso wie der Scherbenhaufen nach der Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende.
Je älter ich werde, desto mehr frage ich mich: Wie groß ist der Anteil des Einzelnen an gigantischen Entwicklungen? Auch bei Greenspan schlugen spätestens 2008 die Wogen der Kritik gegen ihn: Viele Experten halten seine Politik des billigen Geldes in den 2000er-Jahren für einen entscheidenden Brandbeschleuniger der weltweiten Finanzkrise – obwohl er zum Zeitpunkt des großen Crashs nicht mehr direkt im Amt war.
Greenspans Karriere war ein Balanceakt zwischen bewundertem Krisenmanager und umstrittenem Architekten monetärer Risikobereitschaft. Während seine Ära von makroökonomischer Stabilität und erfreulichen Börsenkursen geprägt schien, blieben seine langfristigen Folgen – insbesondere im Hinblick auf die Immobilienblase und die damit verbundene Finanzkrise – bis heute heftig umstritten.
Wie aktuelle Nachrufe betonen, bleibt Greenspan eine ambivalente Figur: Seine Verteidiger heben die Kunst des Krisenmanagements hervor, während Kritiker immer wieder auf die Schattenseiten seiner "lockeren" Zins- und Regulierungspolitik verweisen. In US-Finanzkreisen soll seine Rhetorik berüchtigt gewesen sein, komplex und manchmal fast kryptisch – ein Stilmittel, das Journalisten wie Marktteilnehmer gleichermaßen vor Kopf stieß, aber der Legende und der Aura des Chairman ihren Stempel aufdrückte.
In den letzten Wochen wurde in mehreren Artikeln noch einmal daran erinnert, wie eng der Name Greenspan mit einer Epoche verknüpft ist, deren Risiken oft erst mit zeitlichem Abstand sichtbar wurden. Nicht wenige Ökonomen ziehen heute eine zwiespältige Bilanz: Er hat mit Weitsicht Krisen abgewendet, aber auch neue Gefahren heraufbeschworen.