Papierkrieg bremst Fortschritt: BIV-OT plädiert für Investitionen in Hilfsmittel und klare Strukturen für eine bessere ambulante Versorgung

Stuttgart – Am 8. Februar 2026 kam es auf Einladung von Joachim Glotz, Chef des Vital-Zentrums Sanitätshaus Glotz und Vorstandsmitglied im Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik (BIV-OT), zusammen mit CDU-Landtagskandidat Saschi Thavakkumar zu einem gesundheitspolitischen Gespräch mit Bundesgesundheitsministerin Nina Warken. Zentrale Themen: Die lähmende Bürokratie in der Hilfsmittelversorgung, notwendige Investitionen und der wachsende Fachkräftemangel. Zwischen Alltagsfrust in Sanitätshäusern und politischen Versprechen bleibt die Frage: Wie kommt Versorgung tatsächlich beim Menschen an?

heute 11:56 Uhr | 2 mal gelesen

Dass Investitionen in Hilfsmittel keine bloße Luxusausgabe sind, sondern eine Art Versicherung gegen spätere, teurere stationäre Aufenthalte oder Pflegefälle, das stellte Joachim Glotz in seinem Eingangsbeitrag klar. Er sagte fast schon provokant: 'Klar, die Kosten im ambulanten Sektor werden steigen. Sie müssen steigen, wenn wir das System zukunftsfähig aufbauen wollen – raus aus der Klinik, rein in die Wohnzimmerversorgung.' Bundesgesundheitsministerin Nina Warken versuchte Optimismus zu versprühen: Ambulantisierung, also mehr Versorgung zu Hause statt im Krankenhaus, sei Chefsache. Dafür brauche es unbedingt nachvollziehbare Abläufe und ein Fundament, auf das sich Anbieter wie Patientinnen verlassen können. Laut Warken will das Gesundheitsministerium entsprechende Vorschriften schaffen – natürlich, ohne den Kern solidarischer Prinzipien preiszugeben. Glotz blieb aber skeptisch und führte Beispiele an, die die Schieflage der Versorgung illustrieren: Kniearthrose oder Rückenschmerzen? Viel zu oft werde viel zu schnell operiert, statt mit Hilfsmitteln wie Bandagen und Physiotherapie gegenzusteuern. Bei der Hälfte der Patientinnen sei vor der OP kein ernsthafter Versuch unternommen worden, konservativ-technisch zu helfen – eigentlich erstaunlich. 'Versäumt man hier rechtzeitig zu investieren, wird es fürs System und die Menschen später richtig teuer,' betonte Glotz. Ein Blick in die nüchternen Zahlen entlarvt die Bürokratie als echten Versorgungskiller. Wahre Fundstücke, ja, Absurditäten präsentierte der Verband: Wer als Sanitätshaus alle Kassen bedienen möchte, muss rund 700 Verträge abschließen. Diese Papiermenge füllt, Achtung, so viele Ordner wie ein Fußballtor groß ist – skurril und abschreckend zugleich. Die Versorgung eines Kniepatienten dauert 22 Minuten, die Dokumentation dazu jedoch 31. Pro Kompressionsstrumpf sind nochmal 14 bis 18 unterschiedliche Formulare auszufüllen. 'Die Bürokratie frisst uns geradezu auf,' kommentierte Glotz – keine Übertreibung. Auch der ohnehin dramatische Personalmangel werde durch diese Papierschlachten verschärft. Für 100 offene Orthopädie-Techniker-Stellen stehen gerade mal 16 potenzielle Bewerbende in den Startlöchern. Dass man mit weniger Bürokratie Menschen besser versorgen und Betriebe innovativ halten könnte, darauf pochte CDU-Kandidat Saschi Thavakkumar. Das müsse eigentlich auch im Sinn der Landespolitik sein. Alf Reuter, Präsident des BIV-OT und wichtiger Vertreter des deutschen Handwerks, wiederholte in der Diskussion: Nur mit klaren, standardisierten Regeln bleibt die Branche überlebensfähig – und die Versorgung gesichert. Sonst wandert das verfügbare Geld direkt ins Büro statt zu den Patientinnen. Die Botschaft des Dialogs: Ambulantisierung braucht eine starke, entrümpelte Hilfsmittelversorgung – und der Kampf gegen das Papiermonster muss Chefsache bleiben.

Kern der Diskussion zwischen Gesundheitsministerin Warken, Branchenvertretern und CDU-Politik war die alarmierende Überwucherung der Hilfsmittelversorgung durch Bürokratie und die damit verbundene Verschärfung des Fachkräftemangels. Weniger Bürokratie und klar vereinbarte Standards werden vom BIV-OT als Voraussetzungen gefordert, um die ambulante Versorgung auszubauen und die Versorgungssicherheit zu erhöhen. Recherchen zeigen, dass das Thema deutschlandweit an Brisanz gewinnt: Zuletzt berichtete der Bundesrechnungshof von steigenden Verwaltungskosten im Gesundheitswesen und warnte, dass die Bürokratisierung Innovationen und Patientenwohl gefährde – ein Befund, den auch jüngste Stellungnahmen der Kassenärztlichen Vereinigung bestätigen. Hinzu kommen Stimmen aus Sanitätsfachhandel und Ärzteschaft, die ähnlich wie Glotz und Reuter anmerken, dass Hilfsmittelversorgung vorausschauende Investitionen erfordert und dass ineffiziente Verwaltung und Genehmigungsprozesse den Alltag massiv erschweren. Tagesaktuell berichten diverse Medien über neue Initiativen der Bundesregierung, die den Bürokratieabbau und eine Reform der Hilfsmittelversorgung vorantreiben wollen – doch die konkrete Umsetzung bleibt vielerorts offen.

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