„Wir gestalten unsere Bücher mittlerweile gezielt mit kurzen, simplen Sätzen”, gibt Julia Bielenberg, Leiterin des traditionsreichen Oetinger Verlags, unumwunden zu. Im Gespräch mit Capital benennt sie, was viele gern verdrängen: Rund ein Viertel aller Grundschulabgänger versteht Texte nicht wirklich – sie lesen zwar die Worte, doch die Bedeutung bleibt auf der Strecke. Traurig? Ja, und beunruhigend. Bielenberg sieht gar massive Risiken: Wer kaum begreift, was er liest, könnte sich zu simplen Botschaften hingezogen fühlen – und gerade das kann gefährlich werden, politisch wie gesellschaftlich.
Doch was folgt daraus? Bildung müsse in Deutschland grundlegend neu gedacht werden, fordert Bielenberg. Sie spricht sich für Frühförderung bereits im Kleinkindalter aus, im Zweifel sogar für eine Art 'Elternführerschein' bei der Lesekompetenz. Unser wichtigstes Gut, so Bielenberg, sei Bildung – und damit gehe man hierzulande viel zu nachlässig um. Trotz sinkender Auflagen und eines schrumpfenden Marktes glaubt sie übrigens weiterhin an die Stärke von echten Büchern und Geschichten. Ihr Verlag tastet sich an Künstliche Intelligenz zwar zur Prozessunterstützung heran, im Buch selbst aber bleibt der Mensch als schöpferische Kraft – das ist ihr Grundsatz. KI-Texte mögen billig und massenhaft über Amazon laufen – die Literatur, an die man sich erinnert, stammt immer noch von Menschen.
Eine kleine Randnotiz, die vielleicht zu selten erwähnt wird: Oetingers Geschichte reicht zurück zur legendären ersten Pippi-Langstrumpf-Ausgabe auf Deutsch, nach einem Gespräch Friedrich Oetingers mit Astrid Lindgren im Jahr 1949. Ganz am Rande vielleicht – und doch irgendwie von Bedeutung.
Julia Bielenberg bestimmt, dass schlechte Lesekompetenz unter Kindern längst nicht mehr nur ein individuelles Problem, sondern eine potenzielle Gefahr für Wirtschaft und Demokratie ist – weil Leseschwäche politische Manipulation begünstigen kann. Sie fordert mutig radikale Veränderungen im Bildungssystem, darunter Sprachförderung ab dem zweiten Lebensjahr und sogar eine Bewertung der Lesekompetenz im Elternhaus. Inzwischen bringt die öffentliche Diskussion Bewegung – zahlreiche Medien berichten, dass die Kultusministerkonferenz konkretere Pläne für mehr Leseförderung aufstellt. Neue Initiativen wie zusätzliche Lesestunden an Grundschulen und eine Modernisierung der Lehrerausbildung werden getestet, um den Negativtrend umzukehren. Außerdem steht die Rolle digitaler Medien besonders im Fokus: Während Tablets und Apps einerseits die Lesemotivation heben könnten, warnen Experten davor, dass digitale Angebote niemals Bücher ersetzen sollten. Deutschland diskutiert nun über eine Balance zwischen Innovation und Bewahrung gängiger Lesekultur, zumal aktuelle Studien (wie der IQB-Bildungstrend 2023) zeigen, dass die Lesekompetenz weiterhin auf niedrigem Niveau stagniert, besonders bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien.