Erinnerung im Bundestag: Mahnung an die Opfer des Nationalsozialismus

Am Mittwoch erinnerte der Bundestag feierlich an die Menschen, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gelitten und ihr Leben verloren haben. Die Holocaust-Überlebende Tova Friedman trat vor die Abgeordneten und setzte mit ihren Worten ein emotionales Zeichen gegen das Vergessen.

heute 13:59 Uhr | 5 mal gelesen

Als Tova Friedman an das Rednerpult im Bundestag trat, lag eine Mischung aus Stille und Erwartung in der Luft – und irgendwann war es diese Stille selbst, die fast wie eine Beklemmung spürbar wurde. Friedman, deren Leben als Kind durch das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau bestimmt wurde, brachte eine persönliche und eindrucksvolle Perspektive ein: Die Geschichte dürfe nicht aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden. Besonders bewegend beschrieb sie, wie ihr der Kontakt zu ihren Großeltern und Urgroßeltern durch Mord verwehrt wurde – eine Erfahrung, die für Millionen Juden in Europa traurige Realität war. Mit klaren, aber manchmal brüchigen Worten warnte Friedman davor, die Lektionen der Vergangenheit aus Bequemlichkeit zu verdrängen. Sie erinnerte zudem daran, dass Antisemitismus nicht nur Geschichte ist: Selbst ihre Enkel begegnen heutigen Formen von Hass und Vorurteilen, was einen dunklen Schatten auf ihre Erzählung wirft. Wachsamkeit und Zivilcourage, davon ist sie überzeugt, bleiben unverzichtbar. Ihre Lebensgeschichte könnte Verstörenderes kaum bereithalten: Bereits als Kleinkind geriet Friedman ins Ghetto von Tomaszów Mazowiecki, wurde mit fünf Jahren nach Auschwitz-Birkenau verschleppt und entkam der Gaskammer möglicherweise nur, weil diese an jenem Tag defekt war. Als der Massenmord weiterging, tarnte sie sich im Krankenrevier unter Leichen, um nicht auf den Todesmarsch geschickt zu werden. Nach ihrer Befreiung 1945 stand sie – eine der Jüngsten unter den Geretteten – praktisch ohne Familie da. Ihr weiteres Leben führte Friedman erst in die USA, dann nach Israel. Dort lehrte sie eine Dekade an der Hebräischen Universität, bevor sie nach Amerika zurückkehrte und sich der psychosozialen Arbeit widmete. Noch immer arbeitet sie als Therapeutin und engagiert sich für Bildungsprojekte gegen das Vergessen, auch weil sie weiß: Ohne die Stimmen der Zeitzeugen ist Erinnerung ein fragiles Gut.

Die Gedenkveranstaltung im Bundestag setzte ein kraftvolles Zeichen gegen das Vergessen der nationalsozialistischen Verbrechen, wobei insbesondere die persönliche Geschichte von Tova Friedman im Mittelpunkt stand. Gerade angesichts der jüngsten Zunahme antisemitischer Vorfälle in Deutschland und weltweit blieb ihre Forderung nach gesellschaftlicher Wachsamkeit und Courage hoch aktuell. In weiteren Berichten vom 27. Januar 2024 – dem Tag der Befreiung von Auschwitz, der traditionell als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus begangen wird – wurden neue Initiativen diskutiert, wie beispielsweise verstärkte Bildungsarbeit an Schulen, der Ausbau von Erinnerungsstätten und der Einsatz moderner Medien zur Vermittlung jüdischer Geschichte. Weitere Stimmen aus Politik und Gesellschaft unterstrichen, dass das Erinnern an die Shoah immer mit dem Handeln gegen aktuellen Judenhass, Ausgrenzung und Geschichtsrevisionismus verbunden bleiben muss und dass das Fortbestehen der Demokratie auch an der Ehrlichkeit beim Umgang mit dunklen Kapiteln der Vergangenheit gemessen wird.

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