Die Realität sehe laut Evonik-Boss Kullmann ernüchternd aus: Zu wenig Gaskraftwerke, ein marodes Stromnetz, das er ungeschönt mit Albanien vergleicht, und Wasserstoff? So gut wie nirgends greifbar, jedenfalls nicht zu Preisen, die Industrieproduktion hierzulande tragen würde. Sein Vorschlag klingt für viele vielleicht wie ein Schritt zurück, aber er findet, dass zur Sicherung der chemischen Industrie die Kohle noch mindestens bis 2033 gebraucht werde - wenn nicht länger, abhängig davon, wie die Bedingungen sich entwickeln. Auffällig ist Kullmanns harsche Kritik an sogenannter "Greta-Hörigkeit", womit er auf den Einfluss von Klimabewegungen auf die Politik abstellt. Wachstum müsse jetzt wieder Vorrang haben, so der Appell.
Gleichzeitig schlägt Kullmann vor, Deutschlands Ziel der Klimaneutralität von 2045 auf 2050 zu schieben – eine Fristverlängerung, die, wie er meint, der Industrie Luft verschaffen soll. Deutschlands Anteil an globalen Emissionen nennt er ohnehin "homöopathisch"; der Standort dürfe nicht mit härteren CO2-Regeln weiter geschwächt werden. Europa habe ohnehin das weltweit strengste CO2-Regime, aber Wetter mache an Grenzen nicht halt.
Was Evonik selbst betrifft, gibt es Bewegung: Das Unternehmen sortiert seine Chemieparks unter dem neuen Banner „Syneqt“ neu. Zwei Gaskraftwerke in Marl, ein weitverzweigtes Leitungsnetz und jede Menge Gewinn machen Syneqt aus seiner Sicht zum Schmuckstück. Ob verkauft, fusioniert oder weiter selbst gemanagt wird – das bleibt im Herbst offen. Für Kooperationspartner schaut Kullmann eher gen Westen: Nach Flandern oder Südholland, die mit dem Rhein-Ruhr-Gebiet das chemische Rückgrat Europas bilden. Currenta – das einstige Bayer-Konstrukt – schließt er aus. 3.500 Leute, vorwiegend in Marl und Wesseling, arbeiten inzwischen für die neue Syneqt.
Kullmanns Forderung nach einer Verschiebung des Kohleausstiegs spiegelt die aktuellen Sorgen vieler Industrieunternehmen, die um eine sichere, bezahlbare Energieversorgung in Deutschland ringen. Während er die globale Klimastrebsamkeit Deutschlands als nahezu irrelevant bezeichnet, befürchtet er langfristige Schäden für die heimische Chemiebranche durch übereifrige politische Ziele und kostspielige Regulatorik. Interessant bleibt, wie sich die Transformation der Chemieparks zu Syneqt entwickeln wird – vor allem angesichts des international wachsenden Wettbewerbsdrucks und der Debatten um Energiepreise, Stromnetzqualität und Versorgungssicherheit.
In aktuellen Berichten wird der Energiemarkt als angespannt und fragil beschrieben: Die Bundesregierung betont zwar das Festhalten am Kohleausstiegsziel 2030, steht aber vor ähnlichen Sorgen hinsichtlich Versorgungssicherheit und Netzausbau (Quelle: Bundesregierung, Tagesschau, „Energiekrise: Kohleausstieg 2030 wackelt“). Der Ruf nach längerer Kohleverstromung wird auch von Teilen der Gewerkschaften und Industrieverbänden wiederholt, etwa vor dem Hintergrund nach wie vor zu langsam wachsender Gaskraft- und Wasserstoffkapazitäten. Erste Pilotprojekte zu Wasserstoff zeigen zudem, wie herausfordernd der Weg zu einer wirklich klimafreundlichen Industrie ist – mit zahlreichen technologischen und finanziellen Hürden.