Aber unsere Realität sieht schon anders aus. Wir leben jetzt in einer Welt, die etwa 1,4 Grad wärmer ist als im vorindustriellen Zeitalter – und dementsprechend tauchen derartige Meeres-Hitzephasen, beispielsweise im westlichen Mittelmeer, rechnerisch alle fünf Jahre auf, während sie im östlichen Mittelmeer fast schon zur jährlichen Regelmäßigkeit werden. Besonders pikant: Im letzten Juli lagen die Wassertemperaturen zum Teil ganze sechs Grad über normalem Durchschnitt.
Dass darunter das Leben im Meer leidet, liegt auf der Hand: Korallen, Schwämme, Algen – viele Organismen, die eigentlich eher als anpassungsfähig galten, drohen reihenweise zu kollabieren. Das zieht dramatische Kreisläufe nach sich, von kleinsten Wirbellosen bis zu größeren Tieren und sogar Meeressäugern. Im Grunde hilft hier sogar die beste Anpassung nur begrenzt – die ökologischen Konsequenzen zu stoppen, ist kaum möglich, meinen die beteiligten Wissenschaftler.
Auch für uns Menschen hat das Konsequenzen. So warnt das Europäische Zentrum für Krankheitsprävention zum Beispiel vor einer stärkeren Ausbreitung von durch Wasser übertragenen Krankheiten wie Vibriose in Hitzesommern. Wer jetzt an die angenehme Wärme an der Küste denkt, vergisst dabei leicht die Kehrseite: Hitze und Feuchtigkeit machen die Luft unerträglicher und steigern den Stress auf unseren Organismus – erst recht bei immer feuchterer Meeresluft.
Zusätzlich setzt mehr Verdunstung aus dem warmen Wasser extra Feuchte in die Atmosphäre frei, was später im Jahr zu besonders heftigen Niederschlägen führen kann. Alles, was bleibt, ist ein Appell der Forscher: Stressfaktoren für das Meer so weit wie möglich reduzieren, Lebensräume schützen, Warnsysteme verbessern. Und einen schnellen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen vorantreiben – um noch zu retten, was uns bleibt. Ein bisschen klingt das nach letzter Chance.
Die Meeresoberflächentemperaturen entlang der europäischen Küsten waren im Juli laut neuer Studie so extrem, dass sie ohne den vom Menschen verursachten Klimawandel praktisch undenkbar wären. Besonders betroffen sind Mittelmeer und Atlantikküste, wo die aktuellen Werte traditionelle Belastungsgrenzen mariner Arten sprengen, was wiederum zu massenhaften Ausfällen bei Tieren und Pflanzen führen kann. Extreme Meereserwärmung hat zudem gesundheitliche Folgen für Menschen, weil Infektionskrankheiten häufiger auftreten und Hitzestress in den Küstengebieten zunimmt; Forscher fordern angesichts dieser Erkenntnisse entschlosseneren Klimaschutz und überfällige Anpassungsmaßnahmen.