Grüne buhlen um enttäuschte FDP-Wähler: Neues Angebot nach Baden-Württemberg-Wahl

Nach ihrem Wahlsieg in Baden-Württemberg blicken die Grünen gezielt auf FDP-Wähler, die nach dem Absturz ihrer Partei politisch heimatlos sind, und signalisieren Bereitschaft, Themen der Liberalen aufzugreifen.

heute 00:03 Uhr | 3 mal gelesen

„Natürlich lassen wir das Ergebnis nicht einfach an uns vorbeirauschen“, räumte Britta Haßelmann, Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung ein. Der tiefe Fall der FDP bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg – nur 4,4 Prozent, Exit – ist aus ihrer Sicht ein klares Signal. Sie sprach offen davon, dass die Grünen den FDP-Anhängern künftig eine neue politische Heimat bieten wollen, und die klassischen FDP-Themen wie Freiheit, Rechtsstaat und Bürgerrechte keineswegs exklusiv für sich reklamieren: „Gerade jetzt sind diese Werte entscheidend – auch unser Markenkern!“

Als hätte die FDP all das, was für sie mal stand, verloren, meinte Haßelmann sinngemäß: Die Liberalen wirken derzeit ausgelaugt, der Tank scheint leer, weshalb die Grünen Chancen sehen, diese Lücke zu füllen und liberale Stimmen abzufangen.

Auf die Forderung von CDU-Fraktionschef Jens Spahn, den baden-württembergischen Ministerpräsidenten-Job aufzuteilen, reagierte Haßelmann schroff: „Das ist doch albern. Wir haben hier die Mehrheit gewonnen. Solche Experimente hat bisher noch niemand gemacht – und ich sehe keinen Anlass, plötzlich die Regeln zu ändern.“

Dass das Ergebnis knapp war, erkennt sie an. Aber, so ihr Tenor: In anderen Ländern sind knappe Wahlen ebenfalls die Regel, das System bleibt trotzdem bestehen.

Die Grünen interpretieren das katastrophale Abschneiden der FDP in Baden-Württemberg als Moment, um umzusatteln und enttäuschte liberale Wähler anzusprechen. Sie pochen darauf, dass Grundwerte wie Freiheit und Rechtsstaatlichkeit inzwischen auch Teil ihres eigenen politischen Angebots sind – und werfen der FDP vor, diese früheren Markenzeichen praktisch aufgegeben zu haben. Angesichts der ungewohnten Schwäche der FDP nimmt sich die Partei der Grünen vor, auf deren Terrain vorzudringen und sich auch für jene attraktiv zu machen, die bislang nie grün gewählt hätten. In aktuellen Medienberichten wird zudem diskutiert, dass das Ergebnis in Baden-Württemberg stellvertretend für eine größere Krise der FDP auf Bundesebene steht. Gleichzeitig wird über die Zukunft bürgerlich-liberaler Inhalte in Deutschland gerungen, mit Blick auf Verschiebungen im Parteienspektrum und der Vertrauenskrise vieler Wähler. Ein Blick auf die letzten 48 Stunden zeigt: Themen wie potenzielle neue Bündnisse, Unsicherheit über die Führungsfähigkeit der FDP und die Suche nach mehrheitsfähigen Zukunftsthemen in der deutschen Politik sind in vollem Gange.

Schlagwort aus diesem Artikel