Als hätte die FDP all das, was für sie mal stand, verloren, meinte Haßelmann sinngemäß: Die Liberalen wirken derzeit ausgelaugt, der Tank scheint leer, weshalb die Grünen Chancen sehen, diese Lücke zu füllen und liberale Stimmen abzufangen.
Auf die Forderung von CDU-Fraktionschef Jens Spahn, den baden-württembergischen Ministerpräsidenten-Job aufzuteilen, reagierte Haßelmann schroff: „Das ist doch albern. Wir haben hier die Mehrheit gewonnen. Solche Experimente hat bisher noch niemand gemacht – und ich sehe keinen Anlass, plötzlich die Regeln zu ändern.“
Dass das Ergebnis knapp war, erkennt sie an. Aber, so ihr Tenor: In anderen Ländern sind knappe Wahlen ebenfalls die Regel, das System bleibt trotzdem bestehen.
Die Grünen interpretieren das katastrophale Abschneiden der FDP in Baden-Württemberg als Moment, um umzusatteln und enttäuschte liberale Wähler anzusprechen. Sie pochen darauf, dass Grundwerte wie Freiheit und Rechtsstaatlichkeit inzwischen auch Teil ihres eigenen politischen Angebots sind – und werfen der FDP vor, diese früheren Markenzeichen praktisch aufgegeben zu haben. Angesichts der ungewohnten Schwäche der FDP nimmt sich die Partei der Grünen vor, auf deren Terrain vorzudringen und sich auch für jene attraktiv zu machen, die bislang nie grün gewählt hätten. In aktuellen Medienberichten wird zudem diskutiert, dass das Ergebnis in Baden-Württemberg stellvertretend für eine größere Krise der FDP auf Bundesebene steht. Gleichzeitig wird über die Zukunft bürgerlich-liberaler Inhalte in Deutschland gerungen, mit Blick auf Verschiebungen im Parteienspektrum und der Vertrauenskrise vieler Wähler. Ein Blick auf die letzten 48 Stunden zeigt: Themen wie potenzielle neue Bündnisse, Unsicherheit über die Führungsfähigkeit der FDP und die Suche nach mehrheitsfähigen Zukunftsthemen in der deutschen Politik sind in vollem Gange.