IW-Analyse: Niedrigeinkommensbezieher erhalten deutlich mehr vom Sozialstaat als sie einzahlen

In Deutschland profitieren Menschen mit geringem Einkommen erheblich mehr von Transfers und öffentlichen Diensten, als sie selbst steuerlich beitragen – das summiert sich im Lauf eines Lebens auf teils sechsstellige Beträge.

heute 00:02 Uhr | 2 mal gelesen

Laut eines Berichts aus der 'Bild am Sonntag', gestützt auf Zahlen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), ergibt sich eine immense Diskrepanz zwischen Ein- und Auszahlungen ins Sozial- und Steuersystem – je nach Einkommensgruppe. Das unterste Viertel der Einkommenspyramide erhält, so die IW-Berechnungen, im Lebensverlauf durchschnittlich etwa 1,08 Millionen Euro an Sozial- und staatlichen Leistungen. Darunter fällt alles Mögliche: Rentenzahlungen, medizinische Versorgung, Pflege, existenzsichernde Leistungen wie Bürgergeld, aber auch Dinge wie gebührenfreien Schulbesuch oder Wohngeld. Demgegenüber stehen in dieser Gruppe durchschnittliche gesamte Steuer- und Abgabenleistungen von rund 300.000 Euro. Im Kontrast dazu geben die oberen 25 Prozent der Einkommensbezieher laut Studie im Laufe ihr­er Erwerbsbiografie durchschnittlich zwei Millionen Euro ab – erhalten jedoch „nur“ etwa 720.000 Euro an Leistungen zurück. Martin Beznoska, IW-Spezialist für Steuer- und Sozialpolitik, kommt zu dem Schluss: Das deutsche System verschiebt Wohlstand in hohem Maß von wohlhabend zu einkommensschwach. Gerade für Letztere lohne sich das System offenbar stark, es entlaste die Schwächsten merklich, während die Stärkeren bereits kräftig belastet werden. Er verweist allerdings auch darauf, dass Überlegungen für noch mehr Umverteilung aus seiner Sicht kaum angebracht seien. Beznoska lobt aktuell diskutierte Steuer- und Sozialstaatsreformen in Teilen, betont aber: Entscheidend sei, möglichst viele Menschen überhaupt wieder durch Erwerbsarbeit versorgen zu können – Bildung und kluge steuerliche Arbeitsanreize seien daher Schlüsselfaktoren. Auch ein kleiner Einwurf: Ich frage mich schon, wie sinnvoll so ein Vergleich pauschal ist. Berücksichtigen die Berechnungen indirekte Effekte, wie beispielsweise gesellschaftlichen Zusammenhalt oder den Wert eines flächendeckenden Bildungssystems? Gerade Letzteres kommt langfristig ja allen zugute – egal in welcher Einkommensschicht.

Die neue IW-Studie sorgt für Diskussionsstoff, denn sie verdeutlicht, wie stark das deutsche Sozialsystem Einkommen umverteilt: Wer wenig verdient, erhält im Laufe seines Lebens rund dreimal so viel aus allen staatlichen Töpfen wie er einzahlt. Das reichste Viertel zahlt seinerseits deutlich mehr ein als es herausbekommt. Kritiker betonen jedoch, dass solche pauschalen Gegenüberstellungen nicht den gesamten gesellschaftlichen Nutzen staatlicher Leistungen abbilden, etwa die Stabilisierung der Demokratie oder die Förderung wirtschaftlicher Teilhabe. Auch wird diskutiert, inwieweit die Höhe der Leistungen tatsächlich motivieren kann, sich auf dem Arbeitsmarkt zu engagieren; diverse Medien heben hervor, dass die Debatte um „mehr Gerechtigkeit“ im Sozialwesen immer auch die Wechselwirkung von Anreizen, Bildungsqualität und gesellschaftlichem Zusammenhalt einbeziehen muss. Laut weiteren Analysen aus aktuellen Medienberichten betont z.B. der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung, dass massive soziale Ungleichheiten das Risiko sozialer Spannungen steigern können – was wiederum langfristige Folgekosten verursachen könnte (siehe Zeit Online). Die Debatte erhält angesichts steigender sozialer Ausgaben und politischer Unsicherheit somit eine neue Brisanz.

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