Ab dem 9. Februar 2026 steht die Reportage "Y-History: 100 Jahre auf Koks" in der ARD Mediathek bereit, und wird am 10. Februar 2026 um 23:35 Uhr auch im Ersten ausgestrahlt.
Ein Jahrhundert Kokain – Fieberkurve einer Gesellschaft
Was früher die Ausnahme war, ist heute für nicht wenige die Regel: Kokain wird wie selbstverständlich auf Partys konsumiert, fast schon beiläufig, und mit einer erschreckenden Routine. Carolin von der Groeben, mittendrin und nicht bloß danebenstehend, sieht live mit an, wie aus der Droge ein Alltagsprodukt wurde – Dopingspritze fürs Gemüt, scheinbarer Joker im Lebenslauf, und für viele längst kein Tabu mehr.
Die Reporterin erkennt diese Normalität auch aus ihrem eigenen Umfeld: In Berlin zum Beispiel rollen Kokstaxis durch die Stadt, Bestell-Apps machen das ehemals Exklusive verfügbar wie Pizza. Aber warum hat ausgerechnet Kokain einen solchen Siegeszug durch Deutschland hingelegt? Was sagt die Kokswelle über uns, die Art wie wir leben, und welche Leere füllen damit eigentlich alle?
Der Film packt dafür den Zeitstrahl aus: Von der rauschenden Weimarer Republik – Berlin als Sündenbabel voller Nebel und Tänze – über die wild-elektrische Ära der Rockmusik in den Siebzigern und Achtzigern. Steffi Stephan, Udo Lindenbergs langjähriger Bassmann, erzählt frank und frei vom damals offenen Konsum. Eine originale Aufnahme versetzt zurück in den Tourbus: Lines werden gezogen, die Stimmung kippt, Exzess und Leere reichen sich die Hand. Kein schönes Märchen, sondern der nüchterne Blick zurück – "Hätte ich nicht rechtzeitig aufgehört, gäbe es mich nicht mehr." Manche hatten weniger Glück.
Die Reportage schildert den gesellschaftlichen Wandel beim Kokainkonsum in Deutschland: von den ersten dokumentierten Exzessen der Goldenen Zwanziger, über den Pop und Rausch der Musikbranche bis zu einer Generation, in der ein Gramm Koks per App einfacher getauscht wird als eine Telefonnummer. Im Zentrum stehen Gespräche mit Nutzenden, ehemaligen Dealern und Menschen, die alles verloren haben. Die Autorin hinterfragt nicht nur, wie Kokain normal wurde, sondern auch, welche schweren Schatten die Droge wirft – von psychischer Abhängigkeit bis zum sozialen Absturz. Aktuelle Entwicklungen: Laut jüngster polizeilicher Kriminalstatistik steigt die Zahl der Sicherstellungen von Kokain in deutschen Großstädten – das Spülwasser der Clubtoiletten in Berlin enthält Rekordwerte von Kokainabbauprodukten. Auch die Lieferwege werden digitaler: Ermittler berichten von Telegram-Gruppen, die Drogen wie Koks liefern, als wäre es Lieferdienstessen. Parallel nehmen die Beratungsstellen seit der Pandemie einen ganz neuen Typus von Konsumenten wahr: Menschen, die fernab von Partyszene oder Musikbetrieb konsumieren, etwa als „Selbstmedikation“ gegen Burnout, Leistungsdruck oder Einsamkeit. Neue Strategien zur Prävention werden diskutiert: Kommunale Initiativen fordern Entkriminalisierung und drug-checking-Modelle, während Mediziner die stark steigenden Gesundheitsrisiken durch besonders reines Kokain betonen. Internationale Beobachter verweisen zudem auf die drastische Zunahme von Kokainhandel über europäische Häfen, insbesondere Hamburg, wo 2023 sogar Tonnenfunde für Aufsehen sorgten.