Es ist schon bemerkenswert, mit welcher Klarheit Kretschmann das Thema zuspitzt: Für ihn ist Nationalismus nichts weniger als das "gefährlichste Gift" unserer modernen Politik. Nach eineinhalb Jahrzehnten an der Spitze des Landes gibt er sein Amt (ganz ohne Pathos, aber wohl mit Wehmut) an Cem Özdemir weiter und blickt zurück – oder besser: scharf nach vorn. Das Damoklesschwert Nationalismus, so meint er, hängt nicht zufällig über uns. Wer die Geschichte, etwa die Vorgänge vor dem Ersten Weltkrieg, nicht ausblendet, bekommt plötzlich Gänsehaut, wenn er die Parallelen sieht. Die Welt hat mit dem Brexit wieder ein aktuelles, beunruhigend greifbares Lehrstück geliefert. Für Europa sei das ein Einschnitt, der noch lange nachwirke – und, flapsig gesagt, viele unterschätzten das offenbar immer noch.
Mindestens genauso bitter ist laut Kretschmann ein weiterer Nebeneffekt der aktuellen politischen Entwicklung: die AfD habe eine Atmosphäre geschaffen, in der von den Landtagen bis zu den sozialen Medien ein regelrechter Grundton der Zerstörung vorherrsche. Früher, schildert er, existierte zumindest in zentralen Fragen ein gemeinsames Verständnis unter den demokratischen Parteien. Auch Oppositionsarbeit war damals, nun ja, ein bisschen sportlicher: konstruktiv, kritisch, aber nicht destruktiv. Das, sinniert Kretschmann, sei inzwischen gründlich verloren gegangen.
Kretschmann warnt eindringlich davor, Nationalismus als harmloses Phänomen abzutun – er sieht darin eine hochgefährliche Entwicklung für demokratische Gesellschaften. Besonders betont er die historischen Parallelen zur Entstehung des Ersten Weltkriegs und verweist noch einmal auf den Brexit als modernes Beispiel für destruktive Nationalstaatsinteressen in Europa. Die veränderte politische Kultur durch populistische Akteure wie die AfD – mit ihrem oft toxischen Grundton – hält er für eine weitere Gefahr, weil sie den früheren Konsens und konstruktive politische Arbeit massiv erschwert. Neuere Details aus der Berichterstattung zeigen, dass Kretschmanns Worte auf fruchtbaren, aber auch besorgten Boden fallen: Aktuelle Umfragen bestätigen, dass Nationalisten in mehreren EU-Ländern im Aufwind sind, während liberale Werte vielerorts schwinden. Diskurse um Migration, Zugehörigkeit und Souveränität werden schärfer und polarisierender – das erfährt auch Deutschland gerade. Europäische Institutionen mahnen verstärkt zur Gemeinsamkeit, stoßen aber mit ihren Warnrufen oft auf taube Ohren.