St. Pölten, 11.02.2026
Immer mehr Menschen – fast jeder zweite Privatanleger, um genau zu sein – lassen sich von Werkzeugen wie ChatGPT helfen, wenn es um die Interpretation von Bilanzen oder Investmentstrategien geht. Ein Umstand, der nicht nur die Dynamik am Aktienmarkt verändert, sondern auch Misstrauen sät: Mehr als die Hälfte der Nutzer zweifelt an der Zuverlässigkeit der künstlichen Intelligenz, das hat eine Untersuchung aus Washington Ende 2024 gezeigt. Verstehbar, wie ich finde – es gibt einfach viele Wege, sich in Daten zu verirren. Neue Antworten darauf, wie die KI zu ihren Ergebnissen kommt, liefert jetzt ausgerechnet ein Forschungsteam aus Österreich und Deutschland.
Von September bis November 2025 haben Expert*innen aus St. Pölten, Leipzig und Wien sage und schreibe über 2.500 verschiedene ChatGPT-Abfragen zu Bilanzen, Managergehältern und Nachhaltigkeitsthemen untersucht. 24.000 genannte Informationsquellen wertete das Team akribisch aus – vielleicht etwas dröge für manche, aber entscheidend fürs Verstehen der KI-Logik. 85 Prozent der Antworten basierten dabei auf direkten Informationen aus den Unternehmen selbst: Geschäftsberichte, spezielle Investor-Relations-Seiten oder die Firmen-Homepage. Lediglich 15 Prozent gingen auf externe Medien oder Finanzdaten-Anbieter zurück.
Jetzt das eigentlich Überraschende: Das Dateiformat der Finanzberichte spielt eine Hauptrolle! HTML-Berichte – also digitale, klar strukturierte Reports – tauchten dreimal so häufig in ChatGPT-Ergebnissen auf wie klassische PDFs. Bei PDFs wich die KI in 24 Prozent der Fälle lieber auf Drittquellen aus. Bei HTML-Berichten dagegen nur in sieben Prozent – gewissermaßen eine digitale Abkürzung.
"Große Sprachmodelle möchten strukturierte Daten – HTML liefert da klare Vorfahrtsschilder, wo PDFs mehr wie ein Labyrinth sind", sagt Monika Kovarova-Simecek von der USTP, die das Projekt geleitet hat. Kein Wunder, dass die KI Fakten aus HTML direkter und offenbar auch fehlerärmer liefert. Ein extra Faktencheck der Studie deckte auf: 71 Prozent der Aussagen zu HTML-Berichten waren korrekt, bei PDFs dagegen nur 54 Prozent. Und der Rest? Tja, unvollständig oder schlicht daneben.
Verfügbarkeit und Struktur entscheiden also direkt mit, was potenzielle Investor*innen über eine Firma lesen – und was nicht. Das mag für Unternehmen unbequemer klingen, als es auf den ersten Blick wirkt, aber wer Maschinenlesbarkeit vernachlässigt, könnte im KI-Zeitalter schnell zum blinden Fleck für Analysten werden, meint Eloy Barrantes von nexxar.
Welche Fragen treiben eigentlich die Nutzer? Server-Analysen bei DAX-Konzernen zeigen: ChatGPT ist inzwischen der eifrigste „Bot“, wenn es um den Zugriff auf digitale Geschäftsberichte geht – weit vor Google und Co. Die beliebtesten Themen beim Abfragen: aktuelle Geschäftslage, Strategie und (nicht ganz verwunderlich) Nachhaltigkeitskennzahlen.
Henning Zülch, Wirtschaftsprüfer, bringt es auf den Punkt: "Wer zugängliche, strukturierte Daten liefert, steuert aktiv das Bild, das KI von einem Unternehmen verbreitet." Fast schon ironisch, dass der Erfolg im KI-Ranking damit mehr an den Web-Entwicklern hängt als an den Bilanzkünstlern selbst.
Die HHL Leipzig Graduate School of Management, die University of Applied Sciences St. Pölten und die Beratungsagentur nexxar tragen damit dazu bei, dass das komplexe Zusammenwirken von Technik und Unternehmensdarstellung weiter entschlüsselt wird – und auch, dass deutsche wie österreichische Top-Hochschulen hier an vorderster Forschungsfront dabei sind.
Erwähnen will ich noch: Je strukturierter und offener Unternehmen kommunizieren, desto kleiner wird die 'Grauzone' möglicher Fehlinformationen im KI-Zeitalter. Eine Tatsache, die viele Entscheider*innen in Buchhaltungen und Kommunikationsabteilungen wohl noch verdauen müssen.
Weitere Infos und Links zu den beteiligten Institutionen finden sich unter https://www.hhl.de, https://nexxar.com und https://www.ustp.at.
Die Studie belegt nachdrücklich, wie entscheidend technische Details für die Sichtbarkeit und Darstellung von Unternehmen im KI-Kontext sind: HTML-basierte Finanzberichte erzielen eine dreifach erhöhte Wahrscheinlichkeit, von ChatGPT als Quelle genutzt zu werden, verglichen mit PDFs. Gleichzeitig steigt die Faktenkorrektheit der KI-Antworten erheblich, wenn die Daten in maschinenlesbarer Form vorliegen – das entlastet sowohl Anleger als auch Kommunikationsabteilungen auf Unternehmensseite. Diese Erkenntnisse kommen zu einem Zeitpunkt, in dem Investitionsentscheidungen immer häufiger mithilfe von KI getroffen werden – ein Trend, der sich in den letzten Monaten laut Medienberichten fortsetzt und nun zusätzlich durch EU-Initiativen (etwa zur KI-Regulierung) unterstrichen wird. Außerdem ergab eine zweite Auswertung der Studie, dass strukturierte Daten etwa in HTML auch die Wahrscheinlichkeit verringern, dass ChatGPT auf veraltete oder nicht geprüfte Drittquellen zurückgreift, was die Relevanz maschinenlesbarer Formate weiter unterstreicht. Eine kleine, aber spannende Randnotiz aus jüngsten Presseartikeln: In der Praxis passen einige Unternehmen ihre Veröffentlichungsstrategie bereits gezielt auf KI-Bots an – etwa indem sie APIs anbieten oder besonders strukturierte Landingpages erstellen. Wirtschaftsjournalisten weisen zudem darauf hin, dass die schnellen Fortschritte im Bereich der KI-gestützten Datenanalyse eine Art "Rüstungswettlauf" in der Investor-Relations-Kommunikation ausgelöst haben, bei dem große, digital versierte Unternehmen besonders profitieren.