Ortahisar – Wo die Zeit auf die Bremse tritt
Ich gebe zu: Auf den ersten Blick sieht Kappadokien aus, als hätte jemand mit einem Riesenlöffel an der Erde gekratzt und bunte Ballons in die Luft geschubst. Doch Ortahisar, dieses kleine Örtchen mit seinen Felsenhäusern und windigen Gassen, ist mehr als ein Postkartenmotiv. Der Ort erreichte es schon aufs Treppchen der Forbes’ '50 schönsten Dörfer der Welt', jetzt gesellt er sich auch zur Cittàslow-Bewegung, die in puncto Lebensqualität ein eigenes Tempo vorgibt. Die Burg thront – wie ein stiller Wächter – über all dem, ihre Wurzeln irgendwo im Nebel der Vergangenheit, vielleicht sogar bei den Hethitern. Absolut faszinierend: In diesen Felsen stecken Höhlen, Vorratsräume, Tunnel. Einst Schutz, jetzt Exotik pur – und ein garantierter Zeitlupenblick, wenn man oben steht und ins Land schaut.
Spazierwege mäandern durch Obststände, Duft von Tee wirbelt durch die Luft. Es sind Details wie diese, die das Cittàslow-Konzept greifbar machen – entschleunigen heißt hier auch: mal zusehen, wie Dinge gewachsen sind. Apropos gewachsen: Die Täler mit ihren historischen Lagerräumen waren Herzstücke lokaler Landwirtschaft, ein bisschen wie die Vorratskammer einer Großmutter, nur in Stein gehauen. Die Region vibriert vor Geschichte – von Kirchen, Klöstern und uralten Graffiti an den Wänden, von denen man vieles nicht mal versteht. Flüstergeschichten aus griechisch-hellenistischen Zeiten mischen sich unter das Gemurmel der Touristen.
Türkei und Cittàslow – Entspanntes Mosaik statt Einheitsbrei
Die Cittàslow-Idee klingt simpel, wirkt aber wie ein Gegenmittel gegen den grauen Städteeinheitsbrei. Die Türkei, vielseitig wie ein orientalischer Basar, hat daraus einen Flickenteppich aus Dörfern zusammengenäht – inzwischen 29 an der Zahl, von Seenlandschaften bis Küstenstreifen. Initiator war Seferihisar, und es wurden immer mehr. Es geht nicht um Nostalgie, sondern um bewusste Bewahrung: Jede Gemeinde pflegt ihre eigenen Feste, Bräuche und Aromen. Und Ortahisar nun mittendrin – ausgestattet mit Burg, Kirchen, Vorratskammern voller Obst und der Gewissheit, im richtigen Takt zu schlagen.
Anmerkung: Im Alltag ist das vielleicht manchmal mehr Behauptung als Realität – Tourismus boomt, Tradition und Tempo geraten durchaus in Spannung. Aber das ist eben auch Cittàslow: eine Entscheidung, dem schnellen Geld nicht jede Gasse zu opfern, sondern Gemütlichkeit den Vortritt zu lassen. Wer darauf neugierig ist, entdeckt mehr als nur ein weiteres Ausflugsziel.
Ortahisar im Herzen Kappadokiens wurde jüngst in das Cittàslow-Netzwerk aufgenommen, das weltweit auf bewusste Entschleunigung und die Bewahrung regionaler Identität setzt. Das Dorf, schon mehrfach für seine architektonische und kulturelle Einzigartigkeit ausgezeichnet, besticht durch seine Burg aus der Hethiterzeit, ein Labyrinth an Felsenwohnungen, alte Kirchen und landwirtschaftliche Traditionen, die den lokalen Rhythmus wie ein Gedicht begleiten. Inzwischen zählt das türkische Cittàslow-Netzwerk 29 Standorte, die dem schnellen Wandel eine Spur Gelassenheit und lokale Eigenart entgegensetzen und die Türkei als Hort lebendiger, nachhaltiger Dorfkultur hervorheben. **Ergänzende Recherche:** Ortahisar ist nicht die einzige Gemeinde in Kappadokien, die sich um den Erhalt von Kulturerbe und nachhaltigem Tourismus bemüht; auch andere Orte der Region setzen zunehmend auf authentische Konzepte abseits des Massentourismus (vgl. taz und Zeit online). Die UNESCO hat Kappadokiens Weltkulturerbe zuletzt als eines der wichtigsten Reiseziele Anatoliens hervorgehoben; der Schutz dieser einzigartigen Landschaft steht dabei weiter im Fokus, etwa durch Limits für den Ausbau touristischer Infrastruktur und die Förderung regionaler Produkte. In der Türkei findet die Cittàslow-Idee inzwischen auch verstärkt in Bildungs- und Landwirtschaftsinitiativen Widerhall – es gibt etwa Programme für traditionelle Landwirtschaft und junge Start-ups, die auf nachhaltige Wertschöpfung setzen (Quellen: faz.net, sueddeutsche.de, thelocal.de, taz.de, zeit.de).