Manchmal reicht schon ein Blick auf Konten und Grundstücksregister, um die alten Gräben zwischen Ost und West deutlich zu spüren. Elisabeth Kaiser, die als Ostbeauftragte eine Art Seismograph für Stimmungslagen ist, hat sich im 'Stern' mit einem ziemlich offenen Appell an die Bundesregierung und die deutsche Öffentlichkeit gewandt. Was viele längst ahnen, bekommt jetzt mit Zahlen und klaren Worten ein Gesicht: Ostdeutsche verfügen oft über erheblich weniger Vermögen als Menschen im Westen – und das Gefühl, dauerhaft im Nachteil zu sein, wächst. Kaisers Gedanken drehen sich dabei nicht nur um Geldscheine und Besitzurkunden, sondern – und das berührt eine andere, tiefere Ebene – um das, was sie 'Anerkennung und Gerechtigkeit' nennt.
Interessant ist, dass die Kluft sogar weiter aufgegangen ist. Während im Westen größere Summen vererbt werden und das Risiko – oft auch die Chancen – beim Investieren eher angenommen werden, scheint im Osten noch das Misstrauen aus der Nachwendezeit zu ticken. Investments, die irgendwie zu schön klingen, um wahr zu sein, werden gemieden. Wer kann es ihnen verdenken? Kaiser geht hier einen Schritt weiter und sieht in der Finanzbildung einen Schlüssel, den wir bisher schlicht unterschätzt haben.
Ihre Forderungen sind im Kern ziemlich handfest: Die Erbschaftssteuer müsse dringend überarbeitet werden. Es ist für sie kaum nachzuvollziehen, dass Vermögen und Erbe milder besteuert werden als Arbeitseinkommen. Das zusätzliche Geld solle in die Bildung gesteckt werden – ein Invest in Chancengleichheit, sagt sie. Außerdem dränge sie auf eine stärkere staatliche Förderung für Immobilienkäufe im Osten, wo nur ein Drittel im Eigenheim lebt – verglichen mit 40 Prozent im Westen. Zugegeben, mit bloßen Zahlen ist das Problem nicht gelöst. Aber Kaisers Vorstoß bringt die alte Debatte um den 'systemischen Nachteil Ost' mit neuen Argumenten wieder ins Rollen.
Die Diskussion über Vermögensunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland ist nicht neu, doch gerade in Zeiten einer gesellschaftlich spürbaren Spaltung erhalten solche Forderungen wieder besondere Brisanz. Elisabeth Kaiser legt den Finger in die Wunde und fordert eine Steuerpolitik, die Vermögensbildung gerechter gestaltet; sie sieht dabei sowohl die ungleiche Erbschaftsverteilung als auch mangelnde Risiko- und Finanzkompetenz im Osten als Kernursachen. Interessanterweise untermauern aktuelle Studien, etwa vom DIW, ihre Aussagen: Laut letzter Untersuchungen besitzen Ostdeutsche im Schnitt rund ein Drittel dessen, was Westdeutsche an Vermögen angehäuft haben. Neben steuerlichen Änderungen werden auch Investitionen in Bildungsangebote und regionale Wirtschaftsförderungen als weitere Lösungen diskutiert. Hinzu kommt die Debatte über strukturelle Unterschiede und die Rolle der Treuhand-Privatisierung nach 1990, die einen tiefen wirtschaftlichen Umbruch im Osten markierte. Die Forderung nach stärkerer Förderung von Wohneigentum hat auch angesichts explodierender Immobilienpreise im Westen noch einmal neue Dringlichkeit erhalten. In der Politik treffen solche Vorschläge auf unterschiedliche Resonanz – während die SPD und Grüne offene Ohren zeigen, reagieren Union und FDP zumeist zurückhaltend.