Schnäppchenjäger & Festschmaus: Molières "Der Geizige" im Hagenwiler Wasserschloss, modern interpretiert

Kulturschub im Wasserschloss Hagenwil: Regisseur Florian Rexer nimmt sich Molières antiker Komödienkunst an – und katapultiert sie direkt in die fieberhaften Fünfziger und Sechziger. Den Spagat zwischen Kriegsschatten, Schoko-Boom und Wirtschaftswunder beherrscht das Ensemble auf famose Weise. Wer Rexers Handschrift kennt, weiss: Hier trifft klassischer Klamauk auf liebevoll entstaubte Nostalgie – und der (nicht ganz geizige) Genuss kommt dabei ebenfalls garantiert nicht zu kurz.

heute 11:32 Uhr | 3 mal gelesen

Das Wasserschloss Hagenwil, gewissermaßen schon selbst ein Stück Zeitgeschichte, dient erneut als Kulisse für ein witzig-ambitioniertes Theaterprojekt unter der Leitung von Florian Rexer. Dieses Mal verschafft Rexer Molières "Der Geizige" ein frisches Getränk: den Retro-Charme der 50er und 60er Jahre. Noch stecken die Menschen zwischen Kriegswunden und Aufschwungshoffnung – und nebenbei rollen die ersten Wirtschaftswunder-Bahnen durchs Land. Im Mittelpunkt: Monsieur Harpagon, Geschäftsmann durch und durch, mit einer Schwäche für Zinsen und – man staune – Schokolade. Bruno Riedl verleiht dieser Figur eine Mischung aus knorriger Strenge und heimlicher Komik. Während Sohn Cléante an den Fesseln väterlicher Erwartungen zerrt und Tochter Élise für einen greisen Geldsack unter die Haube soll, zieht das Ensemble einen Reigen aus Lügen, Hoffnungen und unerfüllten Sehnsüchten auf. Rexers Inszenierung balanciert gekonnt zwischen respektvoller Verehrung des Originals und schalkhafter Aktualisierung. Witz und Tragik, Verklemmtes und Überdrehtes – am Ende kommt alles in Schwung und kein Zuschauer bleibt unberührt. Und als kulinarischer Bonus: Ein Festspielmenü, das kreative Küche und moderne Pfiff vereint – alles andere als geizig. Traditionell? Ja, aber mit einem Augenzwinkern – und einfach köstlich dazu.

Rexers Neuinterpretation von „Der Geizige“ spielt pointiert mit der Ambivalenz zwischen materieller Sicherheit und menschlicher Sehnsucht. Die Verlagerung in die Nachkriegszeit gibt dem Motiv des Geizes eine gesellschaftliche Schärfe: Wie wenig die Egomanie des Einzelnen mit dem Wohl Aller zu tun hat – und wie rigoros Humor dabei helfen kann, diese Abgründe bloßzulegen. Nebenbei erleben Zuschauer einen liebevollen Klamauk, der bekannte Themen neu auflädt und reich an Zwischentönen ist. Aktuelle Ergänzungen: Der deutsche Theatersommer ist voll im Gange, und ähnlich wie in Hagenwil erleben Inszenierungen von Klassikern derzeit ein bemerkenswertes Revival. Ob in München, Berlin oder Dresden – zahlreiche Ensembles greifen zu Vergangenheitsstoffen und verknüpfen diese mit zeitgenössischen Fragestellungen, etwa zur Rolle von Familie, Kapital oder sozialen Aufstiegschancen. Interessant ist darüber hinaus, dass selbst scheinbar „kleine“ Produktionen, abseits der großen Metropolen, durch mutige Neuinterpretationen und ungewöhliche Locations (wie eben im Wasserschloss) neue Publikumsschichten gewinnen. Kritisch bleibt dabei der Punkt, wie weit man Vorlage und Moderne verschmelzen darf, ohne die Kernaussage zu verwässern. Noch gibt es da keine einfachen Antworten – manche Zuschauer wünschen sich mehr Freiheiten, andere weniger. Ein Garant für Gesprächsstoff ist das allemal.

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