Manchmal lohnt ein naiver Blick auf die Realität: Steinmeier hat in einem Interview mit T-Online recht offen gesagt, dass er skeptisch ist, was die reine Freiwilligkeit beim Wehrdienst angeht. Es sei fraglich, so seine Worte, ob allein dadurch genügend Personal für die Bundeswehr zusammenkommt. Falls das nicht klappt, so Steinmeier, könnte das Thema Wehrpflicht schneller wieder auf den Tisch kommen, als mancher dachte. Interessant ist: Der Bundespräsident hat seine grundsätzliche Befürwortung einer verpflichtenden Dienstzeit für sämtliche Bürger wiederholt. Die Idee sei keinesfalls vom Tisch, wie Steinmeier unterstreicht. Spannend ist auch sein Vorschlag, diese Pflicht breiter anzulegen: Sechs bis zwölf Monate könne sich der Bundespräsident vorstellen, die man im sozialen, kulturellen, ökologischen Bereich oder beim Militär ableisten könnte. Es gehe letztlich darum, dass jede und jeder Verantwortung für das Gemeinwesen übernimmt – was durchaus ein ernst gemeinter Appell in die Gesellschaft hinein ist. Wehrgerechtigkeit, dieses fast schon altmodische Wort, wird damit für Steinmeier zu einer Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts – nicht einfach eine Pflichterfüllung.
Frank-Walter Steinmeier stellte erneut infrage, ob ein rein freiwilliger Wehrdienst für den militärischen Bedarf reicht und belebte damit die Diskussion um eine allgemeine Dienstpflicht. Sein Enthusiasmus für ein verpflichtendes Engagement aller Bürger (egal ob bei der Bundeswehr oder anderweitig sozial/gesellschaftlich) resultiert aus der Sorge um Fairness und gesellschaftlichen Zusammenhalt. In den letzten Tagen wurde das Thema in Deutschland wieder hitzig debattiert: Konkrete Pläne für eine Wiedereinführung liegen nicht auf dem Tisch, aber angesichts der Zahlen beim Personal und wachsender sicherheitspolitischer Unsicherheiten (auch angesichts des Ukrainekrieges) steigt der Druck auf die Politik, neue Lösungen zu finden. Laut Medienrecherchen wolle die Bundesregierung vorerst noch am freiwilligen Dienstmodell festhalten, eine gesellschaftliche Debatte über Pflichten und Solidarität scheint aber kaum mehr aufzuhalten.