Es gibt so Entscheidungen, die fühlen sich irgendwie verkehrt an, obwohl sie auf den ersten Blick niemandem wehtun. Die Rückkehr zu 'Das grüne Herz Deutschlands' als Werbespruch für Thüringen ist so ein Fall – aufgeladen mit Vergangenheit, von der sich einige wünschen würden, sie hätte weniger Gewicht. Jens-Christian Wagner, der Mann, der in Buchenwald das Erinnern am Leben hält, bringt es auf den Punkt: Historisch belastet. Sicher, die Worte klingen harmlos. Aber wenn ein Slogan ausgerechnet in einer Zeit stammt, in der Nationalsozialisten alles Deutsche verklärt haben, dann bekommt selbst ein harmloses Herz einen schalen Beigeschmack. August Trinius, Urheber des Spruchs, war kein Unschuldslamm, heißt es. Sein Thüringenbild war mehr volkstümelnd als offen – spätestens dann, wenn man weiß, wie eifrig der Slogan in Nazi-Deutschland genutzt wurde.
Auch Werbungsexperten wie Matthias Spaetgens raten zur Vorsicht. Nicht der nostalgische Charme zählt, sondern das, was an Assoziationen mitschwingt – erst recht im heutigen Thüringen, wo polarisierende Kräfte wie die AfD erstarken. Klar: Die Leute im Land selbst stehen wohl mehrheitlich hinter dem Slogan, das zeigt eine aktuelle Befragung. Dennoch, so Spaetgens, reicht ein positives Bauchgefühl nicht – denn Geschichte bleibt nicht im Archiv, sie schleicht sich in Wörter und Werbekampagnen. Und manchmal heißt es dann: Blöd gelaufen. Eine neue Ausschreibung ist im Gange, vielleicht wird ja noch einmal nachgedacht, ob ein grünes Herz tatsächlich für alle schlägt.
Die Diskussion um den Werbeslogan 'Das grüne Herz Deutschlands' zeigt, wie tief historische Bezüge in aktuelle Identitätsdiskurse greifen können – und wie uneindeutig oft die Abwägung zwischen liebgewonnener Identifikation und problematischem Erbe ist. Kritiker wie der Leiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora oder Werbeprofis hinterfragen insbesondere die Verwendung eines völkisch konnotierten Spruchs in einer politisch aufgeheizten Zeit, in der Thüringen gesellschaftlich polarisiert erscheint. 86 Prozent der Thüringer geben trotzdem an, sich mit dem Slogan verbunden zu fühlen; die Landesregierung setzt vorerst auf ein positives Image, prüft aber angesichts der Debatte und der nationalen Aufmerksamkeit, ob weniger belastete Alternativen gefunden werden sollten.
Recherche-Erweiterung: In mehreren aktuellen Beiträgen der letzten beiden Tage entfaltet sich ein ähnliches Bild kontroverser Identitätsdebatten in Deutschland. Beispielsweise wird auf www.spiegel.de diskutiert, wie historische Symbole und Begriffe im politischen Sprachgebrauch neu bewertet und häufig kontrovers ausgehandelt werden. Auch die Süddeutsche Zeitung (www.sueddeutsche.de) analysiert regelmäßig, wie Erinnerungskultur in Ostdeutschland und unterschiedliche Vergangenheitsbilder auf die Gegenwart durchsickern. Zeit Online (www.zeit.de) beleuchtet zudem die Rolle regionaler Narrative im Zusammenhang mit dem europäischen Rechtsruck und untersucht, wie lokale Slogans und Identitätsmarker politisch instrumentalisiert werden.