Tom Fletcher, seines Zeichens UN-Nothilfekoordinator, lässt im Gespräch mit der FAZ kein gutes Haar an der internationalen Politik. Er spricht von einer Zeit, in der Rechenschaft quasi aus der Mode gekommen sei. "Es wirkt, als würde alles zu bloßen Deals zwischen Akteuren verkommen – ein bisschen wie auf einem riesigen Immobilienmarkt, auf dem Prinzipien nur noch Ballast sind." Fast ein Hauch von Sarkasmus liegt über seiner Einschätzung – die internationale Bühne: mehr Marktplatz für Interessen als für Gemeinsamkeiten. Die Sudan-Konferenz in Berlin bezeichnet Fletcher jedoch immerhin als Lichtblick, weil sie die richtigen Leute zusammenbringt. Seine Beobachtung: Die Erwartung, dass Konflikte über Nacht gelöst werden, sei naiv. Stattdessen brauche es, so Fletcher, einen langen Atem – Qualität, für die er gerade den Deutschen Respekt zollt. Darüber hinaus plant Fletcher einen weitreichenden Reset der humanitären Hilfssysteme. Künstliche Intelligenz spielt für ihn eine doppelte Rolle: Einerseits könne sie helfen, durch bessere Daten Prognosen zu geben – Stichwort Vorbereitung statt Reaktion. Andererseits, und das sei mindestens genauso wichtig, verbessere die Nachvollziehbarkeit der eigenen Arbeit: "Wir haben mittlerweile Systeme, die im Januar zeigen konnten, dass wir rund sieben Millionen Leben gerettet haben." Das ist für ihn ein Argument, das die Legitimität und Wirksamkeit der UN-Hilfsarbeit wieder sichtbarer machen soll. Vielleicht ist gerade das – die Ehrlichkeit, was klappt und was nicht – die neue Währung inmitten der vielen politischen Geschäfte.
Fletcher kritisiert eine wachsende Tendenz zur Kriegslust, kombiniert mit einer Atmosphäre, in der die Verantwortungsübernahme abhandengekommen ist – ein Zustand, der es internationalen Organisationen schwer macht, effektiv zu handeln. Besonders hebt er hervor, dass Friedensprozesse Geduld benötigen und technische Innovationen wie KI einerseits Ressourcen effizienter nutzen, andererseits Transparenz und Nachvollziehbarkeit in der humanitären Arbeit erhöhen können. In aktuellen Debatten spielt dabei auch die humanitäre Katastrophe im Sudan eine große Rolle, denn der Bürgerkrieg dort verschärft die weltweite Krise, und die Bereitstellung von Hilfsgeldern bleibt problematisch — eine Dynamik, die von internationalen Medien und Experten in diesen Tagen immer wieder analysiert wird.