Verborgene Wahrheiten: Ayse Polats Film "Im toten Winkel" feiert ARD-Premiere

Eine preisgekrönte WDR/ARTE-Koproduktion rückt verdrängte Realitäten ins Rampenlicht: Ayse Polats fesselnder Film "Im toten Winkel" läuft erstmals in der ARD-Mediathek.

heute 16:01 Uhr | 5 mal gelesen

Manchmal huschen Geschichten am eigenen Blickfeld vorbei wie Katzen in der Morgendämmerung – man ahnt sie, sieht sie aber kaum. Genauso zieht sich der mehrfach ausgezeichnete Film "Im toten Winkel" von Ayse Polat durch die Ritzen einer von Überwachung und Misstrauen zersetzten Welt. Ausgehend von einer deutschen Filmemacherin, Simone, die im politisch aufgeheizten Osten der Türkei das Verschwinden eines jungen Kurden dokumentieren will, gerät nicht nur der Ablauf der Dreharbeiten aus den Fugen: Plötzlich wird jeder Blick kritisch, jeder Zwischenfall unheimlich. Es ist, als würde jemand konstant aus dem Hintergrund mit dem Finger über den Lichtschalter zucken – Flackern zwischen dem, was gesehen werden darf und dem, was im Verborgenen bleiben soll. Was dabei in den Fokus rückt, ist mehr als nur ein Einzelschicksal. Polat zeigt mit fast unbarmherziger Präzision, wie Kameraaugen, Handylinsen und Überwachungsgesichter die Wahrnehmung zerfasern. Ihr Film ist Sozialdrama, Politthriller und Mysteryrätsel zugleich. Dass dabei auch das Sehen selbst zum Thema wird – also die Frage, wer zuschaut, wer filmt, wer beobachtet wird – zieht sich wie ein unsichtbarer Faden durchs Werk. Die Erzählebenen verschieben sich: Zuerst erlebt man Simones Perspektive, dann die ihres kurdischen Gegenübers Leyla und des zunehmend misstrauischen Geheimdienstlers Zafer – eine filmische Triptychon über Angst, Kontrolle und Identität, in dem das Private plötzlich politisch verformt wird. Unvergessen bleibt das Bild der kleinen Melek im lila Kleid, deren Auftauchen so verstörend wie tröstlich ist. "Im toten Winkel" spielt geschickt mit der Frage, was Wahrheit ist – und ob man sie überhaupt erkennen will, wenn alles durch Lügen und Verdächtigungen verzerrt wird. Preislich liegt der Film weit vorne: Die Goldene Lola für Drehbuch und Regie beim Deutschen Filmpreis 2024 sind keine Zufallstreffer. Das Team um Polat (Buch und Regie) und Mehmet Aktas (Produktion) drehte in der Türkei und Hamburg, die filmische Handschrift ist eindeutig – zwischen rauer Authentizität und leiser Beklommenheit. Typisch für Polat: kein reines Genre, keine einfachen Antworten, sondern vielschichtige Momente voller Zweifel und Menschlichkeit. Sehen kann (und sollte) man den Film ab 8. März 2026 in der ARD-Mediathek.

Der Film "Im toten Winkel" spiegelt nicht nur das persönliche Drama einer kurdischen Familie, sondern beleuchtet in erschütternder Klarheit die gesellschaftlichen Folgen von Überwachung und Repression – hochaktuelle Themen, die inzwischen in vielen Teilen der Welt relevant sind. Regisseurin Ayse Polat setzt auf multiperspektivisches Erzählen und erschafft eine Atmosphäre allgegenwärtigen Misstrauens, bei der jeder Blick zum Teil einer kollektiven Paranoia wird. Die vielschichtige Erzählweise, in der Dokumentarfilm, Thriller und Sozialdrama verschmelzen, fordert das Publikum zum Mitdenken und Hinterfragen von Realität heraus. Neuere Detailrecherchen zeigen, dass der Film nach seiner internationalen Festivalpremiere auch im Kontext der derzeitigen politischen Entwicklungen – etwa jüngster Repressionen in der Türkei und einer verstärkten Debatte über staatliche Überwachung in Europa – als eindringlicher Kommentar zur aktuellen Lage verstanden wird. Polat selbst äußerte sich in internationalen Interviews, dass gerade das wachsende Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen und Medien weltweit den Stoff ihres Films erschreckend zeitgemäß macht. Kritiken heben heraus, dass die Inszenierung von Überwachung und Paranoia im Film in ihrer Beklemmung an Werke von Haneke oder Farhadi erinnert, aber durch den besonderen Zugang zu kurdischen Geschichten eine eigene Tiefe entwickelt.

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