Ein echter Abwehrdienst, meint Selen, habe eine eindeutige Aufgabe: sich Angriffen nicht nur zu stellen, sondern ihnen effektiv entgegenzutreten. Dafür seien verstärkt praktische Maßnahmen nötig; allein das Sammeln von Informationen reiche nicht aus. Man müsse den Sprung wagen vom reinen Nachrichtenlieferanten hin zu einer aktiv eingreifenden Instanz. "Nur beobachten oder analysieren? Das genügt nicht mehr – wir müssen Risiken verhindern und neutralisieren." Dieser Perspektivwechsel sei entscheidend, zum Beispiel bei der Frühzeitigkeits-Erkennung von extremistischen Attacken oder beim Blockieren illegaler Waffenübergaben. Sein Ziel: Bedrohungen nicht nur aufspüren, sondern sie unmittelbar unterbinden. Und aus Heldenerkenntnissen bereits die nächsten Risiken antizipieren. Was mit Blick auf die wachsenden Herausforderungen für Demokratie und Gesellschaft auch notwendig scheint: "Ein radikaler Wandel steht bevor," so Selen. Der Verfassungsschutz, so sagt er, habe in 75 Jahren nicht selten Kurswechsel durchmachen müssen – dennoch stehe die Behörde nun vor ihrer vielleicht tiefgreifendsten Transformation. Selen ist erst seit Oktober an der Spitze des Bundesamts, bringt aber bereits Erfahrung vom BKA, aus der Bundespolizei und dem Innenministerium mit. Für ihn ist ständig erreichbar sein Alltag, sein Handy liegt seit Ewigkeiten neben seinem Kopfkissen – auch lange vor seiner Zeit als Behördenleiter. "Bedrohungen gehören eben dazu, wenn man in Sicherheitsbehörden arbeitet."
Der Verfassungsschutzpräsident Selen fordert einen grundlegenden Umbau seines Amtes zu einer handlungsmächtigeren Institution. Er warnt vor gravierenden Risiken für die Demokratie und hält es für dringend geboten, dass der Dienst nicht nur beobachtet, sondern aktiv und operativ eingreifen darf. Dem steht das Spannungsfeld gegenüber, wie weit die Kompetenzen von Geheimdiensten überhaupt ohne Gefahr für Grundrechte ausgedehnt werden können – Kritiker warnen vor einem Übergriff in bürgerliche Freiheiten. Im aktuellen politischen Diskurs - so zeigen aktuelle Berichte aus verschiedenen Medien - wird zudem diskutiert, wie Nachrichtendienste auf neue Bedrohungslagen reagieren können und wie der Schutz vor Extremismus, hybrider Kriegsführung und ausländischer Spionage gestärkt werden soll. Nicht nur die digitale Überwachung, sondern auch das kooperative Vorgehen mit anderen staatlichen Akteuren steht dabei im Raum; zugleich mehren sich Forderungen nach klaren Kontrollmechanismen, damit erweiterte Befugnisse nicht ausufern.