Volle Wartezimmer, leere Teams: Wie Praxen gegen Personalmangel steuern können

Bornheim – Immer mehr Patienten treffen auf immer weniger Personal: Arztpraxen und Therapieeinrichtungen ächzen unter dem Fachkräftemangel, der die Belastung und Unzufriedenheit auf allen Seiten deutlich spürbar macht. Gleichzeitig kämpft das Personal mit wachsender Bürokratie und kaum noch überschaubaren Arbeitsabläufen.

heute 12:54 Uhr | 3 mal gelesen

Auch wenn es so aussieht: Personalmangel entsteht nicht von heute auf morgen. Vielmehr ist er oft das Endprodukt von lascher Führung, diffusen Prozessen und dem berüchtigten 'Das wird schon irgendwie gehen'-Prinzip. Die Arbeit in Praxen schreckt heute viele ab – und das aus nachvollziehbaren Gründen. Doch genau an diesem Punkt sollten Praxisinhaber ansetzen, bevor die Not zur Routine wird. Auffällig (und eigentlich auch bitter) ist, dass es den meisten Fachkräften gar nicht in erster Linie an ihrer ärztlichen oder therapeutischen Tätigkeit vergeht. Viel mehr sind ständige Unterbrechungen, ständig wechselnde Ansprechpartner und spontane Umplanungen echte Motivationskiller – und treiben Leute aus den Jobs, für die sie eigentlich brennen. Was als Flexibilität verkauft wird, entpuppt sich als stressförderndes Provisorium. Struktur geht verloren, das Improvisieren wird zum Alltag. Dazu kommt die Führung (oder vielmehr das Fehlen einer solchen) im Praxisbetrieb: Feedback gibt es meistens erst, wenn's brennt, Entwicklungs- oder Orientierungsgespräche landen unter „ferner liefen“. Ehrlicherweise bleibt man nur dort, wo Ansagen klar, die Arbeitsweise nachvollziehbar und die Perspektiven sichtbar sind. Dauerhafte Motivation lässt sich auf diesem Boden schwer säen. Die Folge: Neue Mitarbeitende gehen fast ebenso schnell, wie sie kommen, denn auf Kärtchen und Benefits folgt ein Alltag im Dauerstress. Einarbeitung? Zwischen Tür und Angel. Klare Prozesse? Fehlanzeige. Und wenn bereits das bestehende Team nicht weiß, wo oben und unten ist, wer soll dann an Bord bleiben? Zusatzleistungen beeindrucken selten, solange Überforderung Dauerzustand bleibt – am fassbarsten bleibt ein gut funktionierender Tagesablauf. Wie kriegt man das besser hin? Meistens reichen schon kleine, konkret umgesetzte Veränderungen, um mächtig Ballast abzuwerfen: Frühe Dienstplanung, tägliche Mini-Absprachen, saubere Übergaben – klingt unspektakulär, tut aber Wunder. Ebenso: Eine ehrliche Runde zwischendurch, in der Belastungen wirklich ausgesprochen werden dürfen, ohne dass gleich jemand Konsequenzen fürchten muss. Die Reihenfolge ist entscheidend. Umstrukturiert wird dann, wenn erst mal Druck raus ist. Lieber kleinere Aufgaben bündeln, Nachfragen wegrationalisieren und Grenzen für Überlastung offenlegen, statt kopflos immer effizienter zu werden. Es geht nie um perfekte Systeme, sondern darum, überhaupt einen stabilen Praxis-Rhythmus herzustellen. Übrigens: Krankheitsausfälle, Überstundenberge und plötzliche Kündigungen kommen selten aus dem Nichts. Meist ist das schlicht der sichtbare Teil des Eisbergs. Wer rechtzeitig hinschaut – also auf wiederkehrende Problemzonen statt auf hübsche Kennzahlen – kann eingreifen, ehe die Lage kippt. Letztlich kommt es weniger darauf an, wie viele Leute sich bewerben – sondern ob der Arbeitsalltag Menschen zum Bleiben bewegt. Da, wo Strukturen, Führung und Organisation stimmen, fügt sich das Recruiting fast von selbst. Das eigentliche Versprechen an neue Mitarbeitende steckt nämlich nicht im Vertrag, sondern im Alltagserleben.

Der Mangel an Personal in Arzt- oder Therapiepraxen ist ein schleichendes, hausgemachtes Problem, das oft aus mangelnder Führung, chaotischen Prozessen und fehlender Alltagsstruktur entsteht. Viele Fachkräfte geben nicht ihren Beruf, sondern die belastenden Rahmenbedingungen auf – ständige Improvisation, fehlende Orientierung und mangelnde Kommunikation vergraulen Mitarbeitende schnell wieder. Abhilfe schaffen bereits kleine, beständige organisatorische Verbesserungen wie strukturierte Dienstpläne, offene Gespräche und priorisierte Aufgaben, gepaart mit einer Führung, die mehr ist als bloßes Krisenmanagement. Neue Recherche (Stand Juni 2024) bestätigt das Bild: In aktuellen Artikeln berichten größere Medien wie die Süddeutsche und die taz, dass die Zahl der offenen Stellen in deutschen Praxen weiter wächst – zuletzt warnte der Marburger Bund vor gravierenden Engpässen auch in Kliniken. Ursache sind nicht nur sinkende Ausbildungszahlen, sondern vielfach Überregulierung und eine anhaltende Welle an Überstunden, die besonders junge Beschäftigte abschreckt. Initiativen wie digitale Terminvergabe und neue arbeitsteilige Modelle werden diskutiert, reichen aber bislang kaum, um den Trend zu durchbrechen (siehe etwa die Erkenntnisse aus einer taz-Analyse zu Gesundheitspersonal, Juni 2024). Darüber hinaus sieht der Hausärzteverband eine weitere Verschärfung, falls sich die politische Unterstützung nicht signifikant erhöht – es braucht strukturelle Entlastung, echte Wertschätzung und gezielte Förderung der Arbeitsbedingungen.

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