Von der Leyen: Atom-Ausstieg als „strategischer Fehler“ kritisiert

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hält die Abkehr von Atomenergie in Deutschland und anderen Teilen Europas nunmehr für einen Irrweg – in ihren Augen sei das Energie-Dilemma auch ein Produkt politischer Entscheidungen.

heute 11:57 Uhr | 5 mal gelesen

Fast beiläufig, aber mit deutlicher Botschaft äußerte Ursula von der Leyen auf dem Nukleargipfel in Paris, dass Europas Rückzug aus der Atomenergie seit den 1990er Jahren einen grundlegenden Irrtum darstelle. Während vor gut drei Jahrzehnten noch ein Drittel des europäischen Stroms aus Kernkraftwerken stammte, kratzt der Anteil heute nur noch an der 15-Prozent-Marke. Von der Leyen formulierte selbstkritisch, diese Entwicklung sei bewusst gelenkt worden – und: Im Rückblick sei es eben ein strategischer Fehler gewesen, einer konstanten, günstigen und klimafreundlichen Stromquelle den Rücken zuzukehren. Besonders irritiere sie der Widerspruch: Europäische Hersteller von Windkraftanlagen sind derzeit international erfolgreich, doch beim Know-how für Kerntechnik sei Europa inzwischen ins Hintertreffen geraten. Sie plädierte entschieden dafür, erneuerbare Energien E-Bikes und Kernkraft zu kombinieren, statt sie als Gegensätze zu begreifen. Sonne, Wind und Wasser seien zwar billig, ihre Produktion jedoch schwankend – geografisch nicht immer nahe bei Industriezentren und zudem mangels Speichermöglichkeiten oft unzuverlässig. Kernenergie hingegen laufe sprichwörtlich rund um die Uhr, ganz ohne Wetter-App. Genau deshalb, so argumentiert sie, sollte das Energiemodell der Zukunft auf einem klugen Mix aus beidem fußen, ergänzt durch konsequenten Netzausbau und flexible Speicherlösungen. Ein zweiter Grund für erneute Atomambitionen liege ihr zufolge in der Technologieführerschaft: Die EU könnte, mit Know-how und Investitionen, wieder zur Speerspitze bei modernen Reaktoren werden. Von der Leyen kündigte für die nächsten Jahre eine europäische Strategie zu kleinen, modularen Atomreaktoren an – mit klarem Ziel, bis Anfang der 2030er Jahre praxistauglich zu sein. Auf dem Energiemarkt könnten so neue Exportschlager entstehen. Die EU-Kommissionspräsidentin präsentierte hierfür gleich drei Maßnahmenbündel: Bürokratieabbau und faire Regeln, mehr Geld für Innovation und eine verstärkte länderübergreifende Zusammenarbeit. Ihr erklärtes Ziel: Europa zum globalen Zentrum für Atomtechnik „Next Generation“ machen – aus Paris hinaus in die Welt.

Ursula von der Leyen betrachtet die deutsche und europäische Nuklearpolitik inzwischen kritisch und sieht im Abbau der Kernenergie eine vertane Chance – nicht nur aus sicherheits-, sondern vor allem aus energiepolitischen Gründen. Sie betont, dass ein Energiemix aus erneuerbaren und atomaren Quellen Europas Klimaziele absichern und Versorgungslücken schließen könnte, vorausgesetzt, es wird stärker in Infrastruktur und flexible Technologien investiert. Laut aktuellen Berichten (z.B. www.sueddeutsche.de, www.faz.net, www.spiegel.de) wird die Debatte um die Rolle der Kernenergie in Europa derzeit immer hitziger geführt – besonders angesichts globaler Energiekrisen und geopolitischer Unsicherheiten fordern immer mehr Politiker, das belastete Thema Kernkraft mit neuen Ansätzen neu zu denken. Außerdem diskutiert die EU über steuerliche Rahmenbedingungen und Investitionsanreize für innovative Atomtechnologien, wie kleine modulare Reaktoren (SMR), um die Abhängigkeit von fossilen Importen zu reduzieren. In dieser Woche wurde zudem publik, dass Frankreich und mehrere osteuropäische Staaten eine engere Zusammenarbeit bei atomarer Forschung und Umsetzung fordern, was die Spannungen mit Ländern wie Deutschland weiter verschärft. Hinzu kommt die Debatte um die Endlagersuche, die dauerhafte Sicherheit – und die Frage, wie neue Kerntechnologien gesellschaftlich gerechtfertigt werden können.

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