Thyssengas erlebt gerade eine Zeitenwende – nicht weniger als das. Bisher war hauptsächlich Erdgas das Lebenselixier im Netz, jetzt aber liegt der Fokus immer stärker auf Wasserstoff und anderen grünen Gasen. Fast klingt es nach Aufbruchsstimmung, einer Mischung aus Traditionsunternehmen und Zukunftslabor. Genau in diesem Moment stellt sich Dr. Stefanie Kesting, 49 Jahre alt und Energieexpertin durch und durch, der Herausforderung als neue Chefin.
Kesting betont gleich zu Beginn, dass es in den kommenden Jahren nicht nur um technische Fragen gehe. 'Ob wir unsere Energieversorgung robust und klimaneutral neu erfinden können, entscheidet sich jetzt', sagt sie. Sie empfindet eine besondere Verantwortung als Netzbetreiberin – man muss die Brücken bauen, die Regionen, Unternehmen und ganze Industriezweige mitnehmen. Was vielleicht etwas abstrakt klingt, bekommt durch ihre Vita Substanz: Sie hat sowohl bei Großkonzernen als auch bei Anlagenbauern Spuren hinterlassen und trägt ihre Erfahrung in erneuerbaren Gasen und Wasserstoff-Strategien wie eine zweite Haut. Ein Netzwerk aus internationalen Kontakten bringt sie gleich mit.
Spannend ist auch die Übergangsphase in der Chefetage: Mit Kesting, Dr. Thomas Becker (Finanzen) und vorübergehend noch Dr. Thomas Gößmann formt sich ein Trio, das ab März 2026 zur Zweierkonstellation Kesting und Becker wird. Fast klingt es wie eine Staffelübergabe mit eingebauter Nachspielzeit.
Ein paar Worte noch zur Thyssengas selbst. Das Dortmunder Unternehmen ist mit seinem fast 4.400 Kilometer langen Fernnetz ein Urgestein der deutschen Energielandschaft – und trotzdem offenbar Flexibilität wie ein Startup. Um die Energiewende zu meistern, werden nicht bloß Rohrleitungen modifiziert, sondern auch Bündnisse und Initiativen auf den Weg gebracht. Das Ziel: Wasserstoff nicht nur durchs Netz zu pumpen, sondern die Transformation aktiv zu gestalten. So arbeiten mittlerweile rund 550 Menschen daran, diese Vision für eine klimabewusste Zukunft Wirklichkeit werden zu lassen.
Ein ordentlicher Wechsel: Kesting wird neue Chefin von Thyssengas in einer Zeit, in der das Unternehmen zentrale Aufgaben im Aufbau der Infrastruktur für den deutschen Wasserstoffmarkt übernimmt. Mehr und mehr Energieunternehmen investieren aktuell in den Umbau ihrer Netze, um in einigen Jahren relevante Mengen Wasserstoff transportieren zu können – ein Prozess, der enormen Koordinationsaufwand und Technologiesprung verlangt. Über die Rolle von Frauen in Führungspositionen der Energiebranche wurde zuletzt viel diskutiert, da die Zahl zwar allmählich wächst, aber immer noch vergleichsweise gering ist. Darüber hinaus wird der Hochlauf des Wasserstoff-Netzes politisch begleitet, unter anderem durch Förderprogramme und enge Zusammenarbeit mit Nachbarstaaten – auch, weil Deutschland einen Großteil des benötigten Wasserstoffs voraussichtlich importieren muss. Die Entwicklung ist eingebettet in die nationale Wasserstoffstrategie, die dafür sorgen soll, dass H2 möglichst rasch zum Rückgrat einer nachhaltigen Industrie wird. International sind Wettbewerbsdruck und Innovationsanforderungen hoch, weswegen Führungspersönlichkeiten wie Kesting als verbindende Schnittstelle zwischen Technik, Politik und Wirtschaft gebraucht werden.