Wenn Verletzung zur Norm wird – Die stille Akzeptanz der Genitalverstümmelung

Hannover – Noch immer steigt die Zahl der Frauen, die eine Genitalverstümmelung erleiden mussten. Was erschreckt: Immer häufiger übernehmen medizinische Fachkräfte diese Eingriffe.

heute 10:00 Uhr | 3 mal gelesen

Es ist schlicht schockierend, aber aus den aktuellen Statistiken der WHO geht hervor: Die Anzahl der unter weiblicher Genitalverstümmelung leidenden Frauen klettert weltweit, aktuell sind es rund 230 Millionen – ein Plus von 30 Millionen binnen weniger Jahre. Dabei wird zunehmend ein Trend sichtbar, der eigentlich Hoffnung wecken sollte, aber das Gegenteil bewirkt: Jede vierte Verstümmelung erfolgt inzwischen nicht in Hinterhöfen, sondern auf dem OP-Tisch – und zwar durch medizinisches Personal. Angela Bähr von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung bekommt dabei Gänsehaut. Denn Medikalisierung verleiht diesem archaischen Akt einen perfiden Schleier von Legitimität. Gesellschaftliche Akzeptanz rückt bedrohlich nahe, auch wenn es paradox klingt. Ein Report der Initiative End FGM zementiert das Ausmaß: In 94 Ländern wurden Fälle festgestellt, viel mehr als bisher bekannt – aber nur in 58 gibt es explizite Gesetze gegen die Praktik. Und selbst dort schützt Paragraph 1a nicht wirklich. In Europa zum Beispiel sind schätzungsweise 600.000 Mädchen und Frauen betroffen. Gesetze auf dem Papier nützen herzlich wenig, wenn Grundüberzeugungen und tief sitzende Traditionen seit der Antike überleben (wobei viele Menschen immer noch irrtümlich meinen, Religion spiele dabei die Hauptrolle – tut sie aber nicht, zumindest meist nicht als Ursache). Bähr spricht Klartext: Ohne massive Aufklärungsprogramme, die in den Familien, in Jungs- wie Mädchenköpfen und im gesellschaftlichen Miteinander ansetzen, wird sich wenig ändern. Das perfide Detail: Oft sind es Mädchen vor der Pubertät, bei denen sich der schmerzvolle Eingriff abspielt – teils werden Klitoris und/oder Schamlippen entfernt, bis zur grausamen Schließung des Genitalbereichs. Resultate? Lebenslange Schmerzen, erschwerte Geburten, Trauma, Urin- und Menstruationsprobleme, und das Risiko des Todes schwingt immer mit. Auch psychisch bleiben Wunden, die selten heilen, und Studien zeigen: Medizinische Verstümmelungen können besonders gravierend ausfallen, vermutlich weil die Eingriffe 'gründlicher' gemacht werden. Der Gedanke macht einen sprachlos. Die UNO wollte die Praxis bis 2030 beendet haben – ein Ziel, das immer weiter aus dem Fokus rückt. Aktuell sind laut Schätzungen 4,4 Millionen Mädchen pro Jahr bedroht, bis 2030 eher mehr als weniger. Präventionsarbeit bekommt viel zu selten den nötigen Drive; Fördergelder sind knapp, nach dem Rückzug der USA aus UN-Gremien hängt noch mehr Verantwortung an Ländern wie Deutschland. Angela Bähr betont: Wer jetzt nicht investiert, hat eigentlich schon verloren. Übrigens gibt es weiterführende Infos direkt bei der DSW unter https://www.dsw.org/weibliche-genitalverstuemmelung/. Das Thema geht uns alle an – ob wir wollen oder nicht.

Weltweit steigt die Anzahl an Frauen und Mädchen, die von Genitalverstümmelung betroffen sind, dramatisch an – mittlerweile sind es bereits 230 Millionen, Tendenz steigend. Besonders problematisch erscheint der zunehmende Trend, die Eingriffe durch medizinisches Fachpersonal durchführen zu lassen, was das gesellschaftliche Stigma abbaut und so indirekt die Akzeptanz erhöht. Trotz schärferer Gesetze in manchen Staaten ist der rechtliche Schutz häufig unzureichend, und Präventionsarbeit bleibt vielerorts chronisch unterfinanziert, während das erklärte Ziel der UN, Genitalverstümmelung bis 2030 zu beenden, in weite Ferne rückt. Nach weiteren aktuellen Recherchen: In Nigeria gab es eine breite Solidaritätswelle nach erneuten Berichten über Zwangspraktiken, Experten warnen vor einer Normalisierung in ärmeren Regionen Afrikas; Familien stehen unter starkem sozialen Druck, sodass medizinisches Personal teilweise aus wirtschaftlichen Motiven mitmacht. In Berlin wurde jüngst ein Pilotprojekt gestartet, das betroffenen Migrantinnen psychologische und medizinische Hilfe bietet – ein Ansatz, der europaweit auf Interesse stößt, aber auf nachhaltige Finanzierung angewiesen ist. Zudem wurde auf EU-Ebene diskutiert, wie Aufklärungskampagnen und grenzüberschreitende Strafverfolgung verbessert werden können – klare Rechtsdurchsetzung hapert jedoch an mangelnder internationaler Kooperation.

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