Wenn man in einem kleinen Ort in Bayern aufwächst und das Geld nie so richtig locker sitzt, entwickelt man vermutlich ein anderes Verhältnis zu Normen und Möglichkeiten. Anna-Nicole Heinrich kennt das: Früh in ihrer Jugend half sie im Freibad aus, stand abends in der Dorfkneipe am Tresen, verkaufte Bücher, die andere aussortierten, nur um das Studium in Regensburg stemmen zu können. "Klar, manchmal war mein Konto leer. Aber so lernt man irgendwie, kreativ mit Hürden umzugehen und seinen eigenen Blick auf die Welt zu behalten", erzählt sie rückblickend. Die heute 29-Jährige hat sich mit dieser Mischung aus Pragmatismus und offenem Geist bis an die Spitze der EKD-Synode gearbeitet. Dass sie so jung und wenig angepasst im Chefsessel landete? "Von Jüngeren will man ja oft hören, was schiefläuft. Dass wir manchmal rebellischer, mutiger sind – oder zumindest nicht sofort alles abnicken." Aber auch ihre Sicht auf scheinbar festgefahrene Debatten irritiert manchmal etablierte Kräfte: Im Interview stellt Heinrich klar, dass sie Wehrdienst nicht a priori als Widerspruch zum christlichen Glauben empfindet. Im Gegenteil – es komme auf die Haltung an: "Man kann bei der Bundeswehr durchaus Friedensarbeit leisten, so wie im freiwilligen sozialen Jahr. Die ewige Einteilung in schwarz und weiß, Pazifismus oder Kriegsdienst – das greift zu kurz. Gerade aus christlicher Sicht dürfen wir es uns nicht zu einfach machen." Die Diskussionen um Wehrpflicht, neue Lebensentwürfe und konkurrierende Sinnangebote wie Yoga sieht sie als Teil einer sich wandelnden Gesellschaft, in der Kirche mit Authentizität statt Dogma überzeugen müsse.
Anna-Nicole Heinrich, mittlerweile 29 und Präses der EKD-Synode, hebt sich durch einen ungewohnten Lebensweg und neue Töne in kirchlichen Debatten hervor. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen in Bayern, kennt sie den Wert von Pragmatismus und Eigeninitiative – eine Haltung, die ihre Arbeit prägt. Während ihrer Amtszeit hat sie die Diskurse um Wehrdienst und Frieden neu perspektiviert: Für sie kann der Dienst bei der Bundeswehr je nach Einstellung ein Friedensdienst sein, was in konservativen Kirchenkreisen aufhorchen lässt. Sie fordert von der Kirche mehr Ehrlichkeit und Offenheit gegenüber anderen Sinnangeboten in der Gesellschaft und sieht die Notwendigkeit, junge Stimmen stärker in Leitungsrollen einzubeziehen. Weiterführend zu aktuellen Entwicklungen: In den letzten Tagen wurde auf ZEIT.de darüber berichtet, wie die Synode der EKD sich mit Krisen und gesellschaftlichen Herausforderungen auseinandersetzt, insbesondere in Bezug auf politische Einflussnahme und den anhaltenden Ukraine-Krieg; SPON thematisiert eine schärfere Debatte um den Stellenwert von kirchlicher Friedensarbeit im deutschen Kontext, während die TAZ eine kritische Reflexion zu Militärdienst und gesellschaftlicher Verantwortung aus kirchlicher Perspektive bietet.