Eigentlich, so könnte man meinen, arbeitet Deutschland klug und ordentlich – zumindest suggerieren das Produktivitätsstatistiken. Doch Reiche setzt noch einen drauf und sieht einen blinden Fleck: Die Summe aller Arbeitsstunden von Erwerbstätigen in Deutschland ist ihrer Ansicht nach schlicht zu niedrig im internationalen Vergleich, vor allem mit Blick auf die OECD. Sie macht gar nicht die Produktivität pro Stunde verantwortlich, vielmehr gehe es ums große Ganze – Jahresarbeitsstunden sozusagen im Familienpack. Überraschend konkret wird sie bei den Stellschrauben: Mehr Flexibilität bei der Wochenarbeitszeit, länger arbeiten nach dem Eintritt ins Rentenalter und vor allem – ein bizarres Steuersystem, das Mehrarbeit oft geradezu bestraft. Sie findet, das ist verschenktes Potential, und spricht energisch davon, dass Deutschland einen kräftigen Reformimpuls brauche. Man fragt sich dabei unweigerlich, wie so ein „Aufschlag“ praktisch aussehen kann – und ob sich das nach Pandemie, Homeoffice-Revolution und allgemeiner Erschöpfung tatsächlich so einfach durchziehen lässt. Oder ob da nicht auch gesellschaftliche Überzeugungen mit am Werk sind, wie viel Arbeit eigentlich genug ist.
Reiche setzt mit ihrer Kritik an Deutschlands Arbeitsvolumen einen Ton, der längst nicht alle Teile der Gesellschaft gleich trifft – denn gerade die Debatte um Teilzeit und flexible Arbeitszeitmodelle wird vielfach auch als Fortschritt bewertet, etwa im Sinne von Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder mentaler Gesundheit. Sie fordert letztlich eine Wende hin zu mehr Arbeitsstunden – unter anderem durch eine Flexibilisierung der Wochenarbeitszeit, weniger steuerliche Hürden für Mehrarbeit und ein längeres Verbleiben im Job. In aktuellen Diskussionen, etwa nach der Veröffentlichung neuer OECD-Daten, werden diese Forderungen aber kritisch gesehen: Studien zeigen, dass ein Erhöhen des Arbeitsvolumens nicht automatisch zu mehr Wirtschaftswachstum führt, sondern häufig Fragen der Lebensqualität, Gesundheit und Produktivität in den Mittelpunkt rücken.