Irgendwie klingt es erstmal unfassbar: Menschen kommen nach Deutschland, suchen eine neue Heimat – und geben irgendwann entnervt auf, weil alles am Schreibtisch und Formular erstickt. Frisch vorgestellt haben Forscherinnen und Forscher des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) jetzt ihre Ergebnisse: Bürokratische Hürden sind nach Problemen mit Familie oder Partner der zweithäufigste Auslöser fürs Verlassen Deutschlands. Besonders junge Menschen, die eingewandert sind, finden das ganz schön frustrierend: Lange Wege, undurchsichtige Abläufe, hohe Gebühren, nie eine richtige Antwort aus dem Amt. 'Wir können nur hoffen, dass die Bundesregierung das überhaupt auf dem Schirm hat', meint Julia Reinold vom IAB – wirklich überzeugt klingt sie nicht. Fatal: Je undurchsichtiger die Prozesse, desto schlechter die Chancen, dass Eingewanderte bleiben. Dabei bräuchte Deutschland genau diese Menschen als Fachkräfte und Steuerzahler. Viele der Weitergezogenen gehen nach Spanien – vielleicht auch, weil Sonnenstunden immerhin kein Formular verlangen. Andere zieht es in die Schweiz, nach Italien oder Kroatien. Meist sind die Wegziehenden jünger, sie waren erst kurz hier, sprechen kaum Deutsch, ihre Löhne lagen oft am unteren Ende der Skala. 60 Prozent zieht es ganz zurück in ihre Heimat. Die Forscher sagen: Wenn wir nicht rechtzeitig sehen, wer wieder gehen will, verpassen wir die Chance, Bleibeperspektiven zu verbessern. Drei Prozent planen konkret den Weggang innerhalb eines Jahres, aber immerhin 30 Prozent spielen mit dem Gedanken zu gehen. Bleiben heißt für viele weiterhin, sehr kurzfristig zu denken. Grundlage der Studie: Fast 15.000 Migrantinnen und Migranten hat das Team zwischen Dezember 2024 und Februar 2026 befragt – quer durch die Lebenslagen.
Die Untersuchung des IAB dokumentiert, dass bürokratische Hürden nicht nur ein Reizthema, sondern tatsächlich ein zentraler Kündigungsgrund für Einwandernde in Deutschland sind. Im internationalen Vergleich sehen Fachleute Deutschland ohnehin nicht als das offenste Einwanderungsland, bürokratische Strukturen gelten beispielsweise in Kanada oder Australien als weit zugänglicher und transparenter. Offen bleibt, ob die politisch geforderte 'Entbürokratisierung' überhaupt je praktisch das Amt verlässt oder am Ende wieder nur als Schlagwort in Sonntagsreden endet. Viele deutsche Unternehmen, die händeringend Fachkräfte suchen, drängen laut aktuellen Medienberichten inzwischen darauf, dass Ämter flexibler und verständlicher mit Zugewanderten umgehen. Zusätzlich wurden im Zuge der Recherche Debatten sichtbar, dass sich auch viele deutsche Staatsangehörige mit Amt und Formular mehr als schwertun – das Problem betrifft also weit mehr Menschen als nur die Zugewanderten.