DIW: Produktivitätszuwachs als Maßstab für Lohnerhöhungen?

Mitten im politischen Gerangel rund um die Tarifverhandlungen – zum Beispiel bei der Bahn oder im gesamten öffentlichen Dienst – bringt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung einen interessanten Vorschlag ins Spiel: Lohnerhöhungen stärker an der tatsächlichen Produktivitätsentwicklung zu messen.

heute 00:02 Uhr | 4 mal gelesen

Marcel Fratzscher, der Chef des DIW, vermisst in der aktuellen Diskussion um höhere Löhne eine zentrale Größe: die Produktivität. Er sagt es ganz direkt – wenn Beschäftigte beispielsweise jährlich vier Prozent mehr leisten, dann sei es auch nur angemessen, die Löhne um eben jene vier Prozent anzuheben. Klingt erstmal ziemlich logisch, irgendwie fast schon selbstverständlich, und doch bleibt das Thema oft außen vor. Fratzscher hat außerdem beobachtet, dass die Beschäftigten aktuell ein überraschend gutes Druckmittel in der Hand halten: Obwohl es etwa drei Millionen Arbeitslose gebe, stehen dem 1,6 Millionen offene Stellen gegenüber. Das heißt, zumindest für die rund 50 Prozent der Beschäftigten, die tariflich organisiert sind oder von einer Gewerkschaft unterstützt werden, ist die Verhandlungsposition ziemlich ordentlich. Interessant übrigens, wie wenig in der öffentlichen Debatte auf diese Kombination aus Fachkräftemangel und Produktivitätsdiskussion geschaut wird. Vielleicht sagt das etwas darüber aus, was wir eigentlich unter gerechter Entlohnung verstehen – oder eben auch nicht.

Marcel Fratzscher fordert, bei Lohnverhandlungen die Entwicklung der Produktivität deutlicher in den Mittelpunkt zu rücken – als fairen Hebel für Gehaltssteigerungen. Der klassische Gegensatz von Arbeitslosigkeit und offenen Stellen verunmöglicht derzeit die Annahme, dass Beschäftigte schwächer verhandeln: Der Arbeitsmarkt ist nach wie vor angespannt, und Gewerkschaftsmitglieder können ihre Interessen durchaus durchsetzen. Kritisch bleibt dabei, dass die reine Orientierung an der Produktivität sozialpolitisch nicht alle Aspekte abdeckt – etwa steigende Lebenshaltungskosten oder strukturelle Ungleichheiten im Arbeitsmarkt. Ergänzend: In aktuellen Berichterstattungen etwa bei der Süddeutschen wird deutlich, dass sich viele Tarifkonflikte nicht allein an ökonomischen Kennzahlen, sondern ebenso an gesellschaftspolitischen Fragen entzünden. Und wie jüngste Artikel aus der FAZ und bei Zeit Online zeigen, werden langfristige Produktivitätstrends immer komplexer: Digitalisierung, Home-Office und demografischer Wandel verschieben die Spielregeln und machen einfache Vergleiche knifflig.

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